Von Jürgen Krönig

London, im April

In den letzten Jahren ist es der Labour-Partei nicht mehr gelungen, auf einen Schlag bei so vielen Briten eine Stimmung freudiger Erwartung auszulösen wie jetzt. Aber die Aussicht, die nächsten sechs Monate lang das Schauspiel eines Richtungs- und Führungskampfes der Parteiflügel genießen zu können, erweckte vielerorts hämische Neugier. Der überwiegend konservativen Presse zumal ist die Chance, den Lesern mannigfache Variationen über das Lieblingsthema „innere Zerrissenheit der Labour Party“ anbieten zu können, nur allzu willkommen. Die zersplitterte Oppositionsgruppierung im Zentrum der britischen Politik, die Partei der „sozialen und liberalen Demokraten“ und David Owens Rumpf-Sozialdemokratie stecken in einem so deutlichen Popularitätstief, daß sie verständlicherweise ihre ganze Hoffnung auf einen möglichst deftigen Krach bei den Konkurrenten setzen.

Der Regierung dagegen könnte der Streit bei Labour nicht gelegen kommen. Hat sie doch Arger mit jenen konservativen Parlamentariern, denen Tempo und Richtung der dritten Phase der Thatcher-Revolution nicht behagen, die sich an der allzu unverblümten Kombination von Sozialabbau und Steuergeschenken für die Wohlhabenden reiben und deshalb in großer Zahl den Aufstand proben.

Zwar machen sich Margaret Thatcher und ihre Berater deshalb nicht allzu große Sorgen. Ein gewisses Maß an Widerstand hatten sie von vornherein einkalkuliert. Schließlich verfährt die Regierung nach der bewährten Regel, daß man notwendige Grausamkeiten am Anfang begehen muß, auch wenn das der eigenen Popularität vorübergehend schaden und der Opposition nützen mag.

Aber nicht einmal davon kann die Rede sein. Labour hinkt nach wie vor deutlich hinter den Tories her, obwohl die Zentrumsparteien zwischen den beiden großen Blöcken fast aufgerieben sind und die Meinungsforscher fast schon einen Trend zurück zum traditionellen Zwei-Parteien-System in Großbritannien signalisieren. Zum Teil ist das sicherlich die Quittung für die dürftige Parlamentsarbeit von Labour in den Monaten seit der letzten Wahl. Ihr fehlen alle Attribute einer schlagkräftigen Opposition, die den Beweis liefern will, eine regierungsfähige und darüber hinaus bessere Alternative darzustellen.

Es mangelt ebenso an einer klaren Strategie und an überzeugenden Debattenauftritten des Parteivorsitzenden Neil Kinnock und seines insgesamt eher blassen Schattenkabinetts; immer wieder störten und randalierten Abgeordnete des linken Flügels gerade in jenen Augenblicken, in denen die Tory-Fraktion eher peinlich berührt den Erläuterungen ihres Sozial- und Gesundheitsministers John Moore lauschte, der die besonders harten Teile der neokonservativen Revolution zu verantworten hat. Dessen politische Karriere gilt schon jetzt als beendet. Unfähig, die eigenen Leute zu disziplinieren, mußte die Labour-Führung mitansehen, wie sich die Tories um ihre angepöbelten Minister scharten und die Medien sich auf den „Polit-Hooliganismus“ der Labour-Rowdies konzentrierten.