Von Hanns Grössel

Zwischen 1960 und 1977 sind die Romane Raymond Queneaus (1903-1976) auf deutsch erschienen – mit einer Ausnahme: "Les enfants du limon" aus dem Jahre 1938. Von dem liegt erst seit Anfang dieses Jahres eine Übersetzung vor, genau ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Originals.

Limon heißt die titelgebende Familie, limon heißt aber auch "Schlamm", und unter Kindern des Schlamms sind jene "literarischen Irren" zu verstehen, über die Chambernac eine vierteilige Enzyklopädie schreibt, die "Enzyklopädie der unexakten Wissenschaften". Gemeint sind Autoren, die zwar Bücher veröffentlicht und damit – nach Chambernac – "genügend gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit" aufgebracht haben, "um nicht eingesperrt zu werden", die aber ohne Resonanz, ohne Nachfolge geblieben sind – Schlammgeburten, keine Lichtgestalten: glücklose Einzelgänger und Sonderlinge auf allen möglichen Gebieten, nicht nur dem der Belletristik, verschrobene Erfinder und obskure Entdecker, unermüdliche Quadratoren des Kreises, abseitige Kosmologen, für die Raymond Queneau, selber Autor einer "Taschenkosmogonie", große wahlverwandtschaftliche Sympathien hatte.

Von 1930 an hatte er seinerseits in der Bibliothèque Nationale umfangreiches Material über solche Irren gesammelt, doch sein Buchprojekt darüber war 1934 von zwei Pariser Verlagen abgelehnt worden, auch vom Verlag Gallimard, in dem er 1933 mit dem Roman "Der Hundszahn" debütiert hatte. Aus dieser autobiographischen Dimension des Stoffes entwickelt Queneau die vorletzte Szene seines Buches: Er selber, als "Brillenträger von etwa dreißig Jahren" umschrieben, spricht Chambernac vor einem Café an und bittet ihn, dessen "Enzyklopädie..." dem Helden eines Romans zuschreiben zu dürfen, an dem er gerade arbeite. Und da Chambernac die Hoffnung aufgegeben hat, für sein Manuskript einen Verleger zu finden, wird ihm das erlaubt: "Machen Sie aus diesen alten Papieren ein neues Buch, wenn Sie das für notwendig halten und wenn Sie dazu in der Lage sind, mein lieber Monsieur Queneau."

Als Romankomposition ist dieses "neue Buch" ein ungewöhnliches Gebilde. Trotz genau bezeichnender Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Limon-Sippe, trotz realistisch ausgemalter Einzelszenen und amüsanter Dialoge will es dem Leser nur schwer in den Sinn, daß diesen Geschöpfen der späten zwanziger und der frühen dreißiger Jahre seine Hauptaufmerksamkeit gelten soll. In seinem Kern ist "Die Kinder des alten Limon" denn auch das, was Queneau einen "enzyklopädischen" Roman genannt hat, und zwar in einem Zusammenhang, der Aufschlüsse über eine Inspirationsquelle gibt: in Zusammenhang mit Gustave Flauberts unvollendetem Roman "Bouvard und Pécuchet". Etwas von der autodidaktischen Erkundungslust, vom naiven Lerneifer der beiden Flaubertschen Kopisten liegt über der Schilderung des ländlichen Ferienidylls, in dem Chambernac und sein Adlatus Purpurlan ihre Forschungen in den unexakten Wissenschaften vorantreiben.

Queneau ist von Systemen fasziniert, und wenn die auch oft – als Ausgeburten "literarischer Irrer" – Wahnsysteme sind, immer sind sie Wortsysteme, sind die Wahnwelten auch Wortwelten, und sie werden mit der ihnen eigenen Plausibilität in so großem Umfang zitiert, daß die Frage bleibt: Warum macht der eine Philosoph mit seinem System Schule, während der andere mit seinem der Vergessenheit anheimfällt, obwohl sie beide ihr jeweiliges System mit einer Fülle wohlklingender Fachausdrücke abgestuft und abgestützt haben? Die Grenze zwischen Wahn und Wahrheit gerät ins Fließen.

Raymond Queneau hat die Figuren seines Romans in einen zeitgeschichtlichen Rahmen gestellt, der durch Anspielung auf verschiedene herausragende Ereignisse der französischen Innenpolitik genau abgesteckt wird. Man spricht über den Schwarzen Freitag an der Wall Street, den 25. Oktober 1929, man rätselt über die Affäre Stavisky und die Affäre Prince (beide 1934), und der faschistische Putschversuch, bei dem es am 6. Februar 1934 auf der Place de la Concorde zu blutigen Straßenkämpfen kam, greift unmittelbar in das Schicksal der Limon-Sippe ein. Eine Parteigründung wird geschildert, die Gründung der N.S.C., der Nation Sans Classes; dabei finden Saalschlachten statt. Der Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland wird registriert, Mussolini taucht auf, und mehrmals spielt der starke Antisemitismus dieser Jahre in die Handlung hinein. Damit erhalten auch die übrigen "Kinder des alten Limon" ihre Funktion: sie sind Zeitgenossen, sie verkörpern Tendenzen und sind anfällig für Aggressionen des Kollektivs. Der Wahn hat viele Gesichter, er gebiert nicht nur folgenlose philosophische Systeme.