Mr. Silvera ist ein Traum von Touristenführer. Umsichtig, kosmopolitisch, polyglott und von so begnadeter psychologischer Einfühlungsgabe, daß er selbst die scheuen Liebessignale pubertärer Anbeterinnen aufs diskreteste zu deuten weiß.

Natürlich ist Mr. Silvera viel zu edel, um wahr zu sein: Er ist der Held des neuen Romans der beiden Turiner Schriftsteller Carlo Fruttero und Franco Lucentini, der jetzt bei Piper erschienen ist. Als Ort der Handlung hat das italienische Bestsellerduo („Du bist so blaß“, Serie Piper 1987, „Der Palio der toten Reiter“, Piper 1986) diesmal Venedig gewählt – ausgerechnet die abgeklapperte, abgedroschene Serenissima, die jeder zu kennen und zu lieben meint. Eine triviale Geschichte im Touristenmilieu also? Mitnichten. Fruttero und Lucentini lieben das Geheimnisumwitterte und Unergründliche zu sehr, spielen zu gern mit Gegensätzen, um sich ganz in den Gefilden gewöhnlicher Globetrotter einzunisten.

Mr. Silvera ist darum auch selbstverständlich mehr, als er auf den ersten Blick und nach seinem etwas abgewetzten Äußeren zu sein scheint. Er ist „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“, die aufregend unergründliche, rätselhafte Titelfigur von Fruttero und Lucentinis Roman. Mit dem „fliegenden Pöbel“ der Städtereisenden aller Herren Länder gibt er sich denn auch in Venedig nicht lange ab: Eine leibhaftige römische Principessa verliebt sich in den mysteriösen Fremden. „Nachgerade ein Weltuntergang“ scheint der sonst so zurückhaltenden Nobildonna ihre plötzliche Leidenschaft. Und auch der so überlegen anmutende Mr. Silvera reagiert heftig und scheinbar spontan: Er läßt die ihm anvertrauten Urlauber allein mit dem Schiff nach Griechenland ziehen.

Statt dessen zeigt er seiner Prinzessin ein Venedig, das nicht im Reiseführer steht. Wie im Traum streunt das Paar durch verwunschene Gassen und spürt verschollenen Gewölbefresken nach. Brunnen, Nischen, das Arsenal, die verlassenen Kanalstraßen des Rio San Martino: Für die verschlungenen Pfade ihrer Liebenden haben Fruttero und Lucentini penibel eine romantische Topographie der Lagunenstadt nachgezeichnet.

Mehr noch: Die kunsthandelnde Prinzessin, zur Begutachtung der Sammlung einer alten venezianischen Patrizierin in die Lagune gereist, führt mit ihren Recherchen auch den Leser ins sonst unzugängliche Reich der Aristokraten ein, hinter dessen dekorativ bröckelnden Fassaden sich morbide Pracht entfaltet.

überdies entspinnen die Erfolgsautoren mittels Principessa einen weiteren Zweig für ihre ganz auf Publikumswirkung bedachte literarische Mixtur: einen kleinen, feinen Kunsthandelskrimi, der von Fälschungen handelt, und – bentrovato – nur über den unergründlichen Mr. Silvera zu lösen ist.

„Ah“, sagt dieser vieldeutig und unvergleichlich, wenn er einer Antwort entfliehen, Gefühlen auf die Spur kommen oder schlichtweg ausweichen will. Dieses ständige undefinierbare „Ah“ beim Sightseeing wie beim Liebesspiel betört und beunruhigt die Principessa in ihrem Gefühlsaufruhr, aus dem sie sich immer wieder durch die kühle Ironie ihrer Kreise zu retten versucht.