Vierzig Jahre Israel: Ein Rückblick voller Sorgen

Von Dietrich Strothmann

Diesen Geburtstag hatte ich mir anders vorgestellt: Ohne lauten Jubel zwar und ohne Girlanden. Doch wenigstens einigermaßen friedlich.

Selbst wenn die Zeiten, normal wären, gäbe es zu eitler Zufriedenheit keinen Anlaß. Selbst ein Land wie Israel – geboren unter unvorstellbaren Schmerzen, getroffen von Kriegen, gelitten unter der Feindschaft seiner Nachbarn und doch fortschrittlich geblieben, liberal beinahe, demokratisch, in seinem Umfeld geradezu ein kulturelles, technologisches, wissenschaftliches Wunderland –, selbst Israel also muß sich erst noch bewähren in seinen Werten und Hoffnungen. Da gibt es nichts hemmungslos zu feierndes. Vierzig Jahre sind wahrlich keine Spanne. Dieser Staat ist noch nicht fertig, nicht mit sich selber und auch nicht im Zusammenleben mit seinen Nachbarn.

Israel nach vierzig Jahren: noch immer ein Land im Krieg, in Angst und Furcht. Nun ist es auch noch ein Land geworden, das Angst und Furcht verbreitet. Darum fallen mir Worte der Gratulation schwer.

In all den Jahren hatte ich nie das Photo mit den Kindern vergessen können, die mit erschreckten Augen aus der Luke des Güterwagens schauten, der sie nach Auschwitz bringen sollte. Ich konnte nie aus dem Gedächtnis verlieren, was mit den Juden geschah, mit jungen Frauen und alten Müttern, mit jungen Männern und alten Vätern, zu der Zeit, als ich, gerade siebzehnjährig, noch Soldat geworden war. Später, als ich es dann wußte, war die Erinnerung an den Völkermord oft wie ein Brandmal. Und die Rettung der wenigen Hunderttausend, die dann endlich ihre sichere Zuflucht in Israel fanden, diesem Flecken auf dem Globus, war auch für mich wie eine glückliche, gerechte Erlösung. Israel, geboren aus dem Feuerofen – das war der Sieg über Auschwitz.

Daran hat sich nichts, nicht das mindeste geändert nach vierzig Jahren. Immer wieder, wenn ich Kinder in Jerusalem oder Tel Aviv sehe, am See Genezareth oder in der Negevwüste, in Städten und Dörfern, sage ich mir: Sie dürften eigentlich, wenn mein "Führer" damals gewonnen hätte, gar nicht leben. Und jeder Professor an der Hebräischen Universität, jeder Dirigent der Jerusalemer Philharmonie, jeder Maler, Dichter, Erfinder, Bauer, Handwerker, jeder Offizier und Soldat, der in fünf Kriegen in den vierzig Jahren seine Siege erfocht – sie alle sprechen Hohn dem unmenschlichen, menschenverachtenden Mordwort von den "Ratten", den "Läusen", die unwert seien zu existieren und darum zertreten werden müßten. Israel ist noch immer der tägliche Triumph des Lebens über den verordneten Massentod, der ein ganzes Volk von der Erde tilgen sollte, "ausmerzen", wie es damals hieß.