Für lange Zeit war ihr Wohnsitz London. Schon zwei Jahre vor dem „Anschluß“ wollte sie den „Ständestaat“ und die österreichischen „Nahezu-Nazis“ nicht mehr ertragen. Hilde Spiel, Schriftstellerin und Journalistin, ging ins Exil nach England.

„Aus meinen Taschenkalendern (London)“: „Es ist Frühling, die Sonne scheint, hie und da Nachricht von den Eltern, und eigentlich ist die Welt untergegangen, nur leben wir noch.“ (24.3.38) – „Abends hörte ich allein die Rosamunden-Ouvertüre und weinte um Wien.“ (12.5.38) – „Paris wird fallen. Ich habe das Leben satt und Angst zu sterben.“ (10.6.40) – „Wir sind wieder einmal bankrott. Müssen uns Geld borgen!“ (16.1.41) – „Schwerer Angriff gestern nacht. Ein Flugzeug wurde abgeschossen und stürzte nahe von uns ab. Keine Zeitungen heute früh.“ (17.4.41) – „Hatte Herzanfall und Atemnot gestern nacht. Nachmittag schrieb ich fünf Seiten über den Tod von Luise-Deborah Benedict. Machen mich sehr glücklich.“ (22.9.42)

Mochte die Welt auch in Scherben gehen – da war noch eine andere: die schöne Kunst. Es gab nicht nur Hitler, sondern auch Sir Gielgud, den Schauspieler, die Romane von Virginia Woolf oder Samuel Pepys Tagebücher („Eine hinreißende Epoche“). „Wieder im New Theatre beim Old Vic. Richard III. mit Olivier, Überwältigend.“ (9.3.45) Im Tempel der Kunst wurden die schönen Ideale gebunkert, Valuten aus der Zeit davor.

Die „Taschenkalender“-Notizen sind erstmals im Programmheft des Wiener Burgtheaters erschienen, wo unter der Regie von Airan Berg und Claus Peymann Hilde Spiels „Anna und Anna“ uraufgeführt wurde. Ende siebzig ist die Exilantin inzwischen. Mit Grazie nahm sie den beigeisterten Applaus entgegen. Sie, die Gielgud verehrte, jetzt am Burgtheater gefeiert! In ihrem Taschenkalender 1988 wird man dereinst herzzerreißende Notizen finden. Schwärmer wie sie erinnern uns vor allem daran, daß heute an der Gralsburg nur noch der strahlensichere Bunker darunter interessiert. Dabei – wieviel lächerlicher ist es, an das „absturzsichere“ AKW zu glauben, als an Sir Gielgud. Grazienhaft bedankte sich Hilde Spiel.

Eigentlich ist „Anna und Anna“ ein Drehbuch für einen Film über die Jahre nach 1938, voll autobiographischen Materials. Durch geschickte Striche hat man am Burgtheater daraus einen dreistündigen Theaterabend gemacht. Spielort: Vestibül. Für Peymann ist das Burgtheater nicht nur eine große Bühne mit einem Zuschauerraum, prunkvollen Wandelgängen und Foyers, sondern wirklich ein Theater. Es spielt überall. Auf dem „Lusterboden“ und jetzt auch schon in den Eingängen zum Treppenhaus. Das „Vestibül“ ist ein kleiner, säulenbestückter Raum, der mit siebzig Zuschauern fast schon überfüllt ist. Gegenüber hat man in einem Büro Garderobe und Kasse improvisiert. Eine alte Burgtheater-Besucherin gerät in äußerste Verwirrung, sie ruft: „Wo ist die Bühne?“ und will sich mit den hölzernen Klappsitzen einfach nicht zufriedengeben. Die Bühne (Matthias Karch) ist an diesem Abend ein Laufsteg aus Holzpodesten zwischen den Zuschauerreihen. An einer Seite endet der Steg in einer kleinen Treppe, die in eine verspiegelte Nische des Vestibüls führt, an der anderen vor einem weißen Gazevorhang. Dort werden Szenen aus dem gleichgeschalteten Theater der Nazis lange Schatten werfen. Von dorther werden Goebbels und Schirach aus der Oper wie aus einem Lichtschacht stürzen, unter ohrenbetäubendem Applaus. In Augenhöhe stampfen dicht vor uns die Füße der Schauspieler vorbei, wirbelt Staub auf, poltern die Schlägereien. Verwundete werden behandelt, Tiefflieger scheinen den Laufsteg fast zu streifen. Fünfzehn Schauspieler spielen 71 Rollen. Erstarrt rechts eine Szene, beginnt links eine andere. Lampen, Stühle, Volksempfänger: das ist die ganze Ausstattung.

Im Vestibül rückt einem die Nazi-Zeit dicht auf die Pelle. Ob marschiert, geliebt oder gestorben wird, immer scheint man selber der nächste. Auch die Geräuschkulisse der Heil-Rufe und der Jubel-Chöre ist fast lauter, als das Ohr sie in diesem kleinen Raum ertragen kann. Wie eine grausige Moritat wird Hilde Spiels Geschichte erzählt. So enthusiasmiert wie eine freie Gruppe kommt einem Peymanns Ensemble dabei vor. Mag sein „Sturm“ auch flau gewesen sein, nichts ist verloren. Peymann lebt: unser letzter Hypertoniker.

Statt in Akte ist „Anna und Anna“ in Jahre unterteilt: 1938 bis 1945. Anna (Julia von Seil) arbeitet im Büro eines Sektionsleiters und ist mit Stefan (Karlheinz Hackl), einem Journalisten, befreundet. „Stefan, was tun wir dagegen?“ fragt sie 1938. „Nichts. Wir machen mit... und am Schluß gehören wir zu ihnen.“ Die Entscheidung drängt: dableiben oder weggehen. Hilde Spiel erzählt beide Geschichten: Anna I bleibt, Anna II (Regina Fritsch) emigriert nach London, arbeitet als Hausangestellte, hat eine trübe Liebesgeschichte mit ihrem Arbeitgeber und ist später für den österreichischen Dienst der BBC tätig. Nach ’45 kehrt sie nach Österreich zurück. Am Ende des Abends schlüpfen beide Annas in ein und denselben Mantel und verlassen den Laufsteg, als gingen sie in ein neues Land, als wäre Platz für beide.