Von Friedhelm Rathjen

Ein Roman, der die Tatsache nicht leugnen will, nur ein Buch in des Lesers Händen zu sein, hätte vielerlei Möglichkeiten, das zu demonstrieren: Querverweise mit Seiten- und Kapitelnennung, Passagen, die zwischen Vorder- und Rückseite hin- und herschwenken, leere Seiten und die Aufforderung, diese zu füllen. Illusionszersetzend wirken auch eingebaute Pannen: Fehlende Buchstaben etwa holen den freischwebend nachphantasierenden Leser in zwar plumper, aber sehr wirksamer Manier auf den profanen Boden von Satz und Druck zurück.

Diese Vorschläge für eine Art „Konkreten Roman“ mögen technizistisch klingen – aber es käme einmal auf den Versuch an. Den hat in aufwendiger Weise Matthias Politycki mit seinem Romanprojekt „AusFälle/Zerlegung des Regenbogens“ unternommen, und er hat es sich nicht leicht gemacht: In gut vierjähriger Kleinarbeit hat er das umfangreiche Werk „entwickelt“ (das schon vorab mit dem Literaturpreis der Münchner „Civitas-Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Kunst“ bedacht wurde). Die „AusFälle“ sind denn auch ein Roman, wie ihn sich jede Preisjury nur wünschen kann, die sich modern und aufgeschlossen geben möchte, ohne Gefahr zu laufen, modisch-modernistischen Scharlatanen aufzusitzen.

Ein Scharlatan ist Politycki nicht; er weiß mit literaturgeschichtlichen und philosophischen Kategorien souverän umzugehen und hat von Nietzsche „vermutlich mehr präsent als der ‚gute Fritze‘ je selber hatte“ (so meint jedenfalls „Civitas“-Sprecher und Laudator Reinhard Löw, der, nebenbei bemerkt, einer der Universitätslehrer Polityckis ist). Polityckis „Entwicklungsroman“ ist auch für traditionsverhaftete Literaturprofessoren keine Provokation wie der nouveau roman der fünfziger oder die Konkrete Poesie der sechziger Jahre, denn er macht sie nicht arbeitslos: Vieles an dieser Prosa ist so neu nicht, wie es zunächst scheinen mag, und die Suche nach Vorläufern wäre durchaus lukrativ. Man wird vor allem immer wieder an Laurence Sterne denken müssen, der – vor immerhin gut zweihundert Jahren schon – überraschend viel von Polityckis Kunstgriffen vorweggenommen hat.

In Sternes „Tristram Shandy“ gibt es schon die leeren Seiten, die Spielchen mit der Typographie, den Gebrauch von Fußnoten und auch die kunstvoll inszenierte Schreckerkenntnis des Roman-Ichs im fortgeschrittenen Stadium des Werkes, über umständliche Einstiegsversuche noch gar nicht hinausgekommen zu sein. Sternes wie Polityckis Erzähler haben mit den Einsprüchen von „Lesern“ zu kämpfen und verheddern sich zwischen ihren eigenen Figuren. Wenn in den „AusFällen“ gar ein „Autor“ von seinen Schöpfungen gemaßregelt wird, so hat auch das einen Vorläufer: Der Ire Flann O’Brien läßt in seinem vor fünfzig Jahren entstandenen Roman „Zwei Vögel beim Schwimmen“ erzählte Figuren die Oberhand über den Erzähler gewinnen.

Sterne und O’Brien waren – jeder auf seine Weise – große Humoristen, und genau hier liegt eines der beiden Probleme Polityckis: Er ist nie komisch, sondern immer nur geistreich auf jene quecksilbrige Weise, die schnell zu ermüdender Langeweile verkommt. Polityckis intellektuelle Souveränität hält alles in der Hand, selbst wenn der „Autor“ im Romanprojekt baden geht, und wenn Politycki auch um die zentrale Rolle des scheiternden Künstlers in der Ästhetik der Moderne weiß, so ist der Wille zum Scheitern in den „AusFällen“ doch immer nur eine rhetorische Figur und nie genuine Erfahrung des Autors.

Politycki lähmt den Blick des Lesers dadurch, daß alles in seiner Prosa überfunktionalisiert ist. Auch die wohl augenfälligsten Manierismen Polityckis – der häufige Ausfall von Vokalen und einige geradezu nervtötende grammatische Eigenheiten wie der Fortfall zahlreicher Artikel – haben ihre Funktion, wie der verblüffte Leser nach mehr ab vierhundert Seiten gesagt bekommt. Politycki ist nämlich auch mit rezeptionsästhetischen Modellen vertraut, die er mit diesen kleinen Tricks zu nutzen versucht. Der Leser soll zum Mitarbeiter am Text werden, zum Autor, indem er „jede lesetechnische Lücke mit einem t ten der die oder das ausfüllt und damit „für 11,8 % immerhin des Tex-, tes“ verantwortlich wird. Ebenso soll die Komplettierungstätigkeit am „BLDDRVRNCH-TNG“ eine mitschaffende Rezeption konstituieren. Politycki vermeint, Ecos Texttheorien in die Praxis umzusetzen; tatsächlich liquidiert er sie aber. Bei allem rezeptionsästhetischen Kompositionskalkül, das Politycki erkennbar auf sein Werk verwandt hat, bleibt dem Leser doch im Grunde keine Chance. Der Grund ist die Omnipotenz des Autors, der alle Register der Prosakunst beherrscht und nach Belieben einsetzt. Von „Fabelführung“, „Dialogführung“, „Gedankenführung“ ist im ganzen Roman die Rede, schließlich sogar kalauernd von der „Buchführung“; in der Tat getilgt es dem Leser nie, aus der allmächtigen Führung durch den Autor auszubrechen, wenn ihm auch zum Rückzug ein Vakatkapitel und die leeren Rückseiten zur Verfügung stehen.