Von Rolf Michaelis

Schwäne über der Oder. Sie schwimmen nicht nur, sie fliegen auch – herüber und hinüber und zwischen den Pfeilern der Brücke hindurch, die Frankfurt mit Slubice, Deutschland mit Polen verbindet. "Friedensbrücke" heißt das Bauwerk aus Beton und schön asymmetrisch versetzten Stahlbögen, das nach dem Krieg auf den Pfeilerfundamenten der gesprengten Oderbrücke errichtet worden ist.

So still ist es in der schläfrigen Mittagsstunde, daß man die Schritte der wenigen Fußgänger, die vom Osten herüberkommen, auf dem Stahlbelag bis zur Uferpromenade hört. In der Gegenrichtung brummt manchmal ein Touristen-Bus. Vom Frieden kennt diese Brücke die Ruhe, nicht das fröhliche Treiben, wie man es sich zwischen "Bruderländern" des sozialistischen Lagers auch vorstellen könnte.

Daß der mächtig drängende Strom braun ist nicht nur vom Lehm, sondern von Pflanzengiften des fruchtbaren Ackerlandes, vor allem von Schwermetallen aus dem nur wenige Kilometer entfernten Eisenhüttenstadt – wer will das im Idyll eines ersten Frühlingstages schon wissen. Nicht zu übersehen aber in den noch überschwemmten Niederungen, daß auch hier der Winter eben erst mit einer Hochwasserflut abgezogen ist.

Hier also ist er ertrunken, im Hochwasser der Oder vom April 1785, als er Rekruten und ihren Pferden zu Hilfe eilen wollte. Ganze dreiunddreißig Jahre alt war der Frankfurter Regimentschef Prinz Leopold von Braunschweig damals, der zehn Jahre zuvor Lessing auf dessen Italien-Reise begleitet hatte.

Aufklärung, Menschenwürde, Bildung der Menschheit – für den jungen Offizier, alles andere als ein preußischer Kommißkopf, waren das keine Phrasen, sondern Überzeugungen, die es im täglichen, auch militärischen Leben zu verwirklichen galt. Und wenn der preußische König Friedrich II. die Gelder für den Bau einer Elementarschule für Soldatenkinder verweigert, weil er lieber weiter aufrüstet, dann baut ein Oberst Leopold so eine Pflanzschule für die Kinder seiner Untergebenen halt selber.

Wir brauchen uns auf unserer Bank an der Oder nur umzuwenden – und sehen eines der schönsten spätbarocken Gebäude, die von der Altstadt am Ufer der Oder übrig geblieben sind. "Erbaut 1777 von Martin Friedrich Knoblauch" steht in der Kartusche über dem Portal des blau getünchten, zweistöckigen Hauses, das von einem behäbigen hohen Mansardwalmdach behütet wird. Neben dem Eingang zum Haus Faberstraße 7 steht: "Kleist-Gedenk-und Forschungsstätte."