Von Joseph Brodsky

Wenn die Kunst den Künstler überhaupt etwas lehrt, dann ist es die Privatheit der menschlichen Existenz. Als älteste Form der Privatinitiative fördert sie in jedem Menschen, wissentlich oder unwissentlich, das Bewußtsein seiner Einzigartigkeit, seiner Individualität und Einsamkeit, und sie verwandelt ihn so von einem sozialen Lebewesen in ein empfindsames Ich. Viele Dinge können geteilt werden: ein Bett, ein Stück Brot, Überzeugungen, eine Geliebte, aber nicht ein Gedicht von ‚ sagen wir, Rainer Maria Rilke. Ein Werk der Kunst, speziell der Literatur, und ganz besonders ein Gedicht springt den Leser frontal an, sozusagen tête-à-tête ‚ und tritt ohne Mittelsmänner direkt mit ihm in Kontakt.

Das ist auch der Grund, warum die Kunst im allgemeinen, die Literatur im besonderen, ganz besonders aber die Poesie, nicht gerade geschätzt werden von den Predigern des Gemeinwohls, den Lenkern der Massen, den Herolden der historischen Notwendigkeit. Dort, wo die Kunst zu Hause ist, wo Gedichte gelesen werden, entdecken sie, an Stelle von Konsens und Harmonie, Pluralismus und Polyphonie; an Stelle des Entschlusses zur Tat – Trägheit und Indifferenz. Mit anderen Worten: zwischen die runden Nullen, mit denen die Herolde des Gemeinwohls und die Lenker der Massen am liebsten rechnen, setzt die Kunst ihr „Punkt, Punkt, Komma, Strich“ und verwandelt so jede Null in ein kleines, wenn auch nicht immer hübsches, menschliches Gesicht.

Der große Baratynskij charakterisierte seine Muse, indem er ihr ein „unverwechselbares Gesicht“ zuschrieb. Im Erwerb dieses „unverwechselbaren Gesichts“ liegt der Sinn der menschlichen Existenz, denn für dieses Unverwechselbare hat die Natur den Menschen genetisch vorprogrammiert. Unabhängig davon, ob einer Leser oder Schriftsteller ist, hat er zuallererst die Pflicht, ein Leben zu meistern, das nur ihm gehört, und das ihm nicht oktroyiert oder von außen vorgeschrieben worden ist, auch wenn es noch so glänzend erscheinen mag.

Jeder von uns hat nur dieses eine Leben, und wir wissen nur zu gut, wie es ausgehen wird. Es wäre deshalb unverzeihlich, die einmalige Chance zu vergeuden, um in eine andere Haut zu schlüpfen, fremde Erfahrungen zu übernehmen und gleichsam als Tautologie zu leben – und dies umso mehr, als die Herolde der historischen Notwendigkeit, in deren Namen wir eine solche Tautologie akzeptieren sollen, nicht mit uns ins Grab gehen und uns noch nicht einmal ihren Dank abstatten werden.

Die Sprache und vermutlich auch die Literatur sind älter und notwendig dauerhafter als jede Form sozialer Organisation. Wenn die Literatur den Staat verabscheut, sich über ihn lustig macht oder ihm die kalte Schulter zeigt, so ist dies wesentlich eine Reaktion des Überzeitlichen, vielleicht sogar des Unendlichen gegen das zeitlich Gebundene. Zumindest hat die Literatur das Recht, solange der Staat sich anmaßt, über ihre Angelegenheiten zu entscheiden, sich ihrerseits in die Angelegenheiten des Staates einzumischen. Jedes politische System, jede Form sozialer Organisation, jedes System überhaupt ist per definitionem eine Form der Vergangenheit, die sich der Gegenwart aufzudrängen versucht (und damit auch der Zukunft) – eine Tatsache, die am allerwenigsten derjenige übersehen darf, dessen Werkzeug die Sprache ist. Die eigentliche Gefahr für den Schriftsteller ist nicht so sehr die Möglichkeit (häufig sogar die Gewißheit) der Verfolgung durch den Staat, als vielmehr die Gefahr, von der Fratze des Staates hypnotisiert zu werden. Ob es nun monströs erscheint oder einen Wandel zum Besseren durchmacht – das Gesicht des Staates ist immer zeitgebunden.

Die Philosophie des Staates, seine Ethik – ganz zu schweigen von seiner Ästhetik – stammen immer von gestern; die Sprache der Literatur dagegen kommt immer aus dem Heute, und überall dort, wo eine politische Orthodoxie herrscht, nimmt sie das Morgen vorweg. Einer der größten Vorzüge der Literatur liegt darin, daß sie dem Menschen dazu verhilft, seine Existenz als spezifische Zeit zu erleben und sich von der Menge seiner Vorgänger ebenso abzuheben wie von der seiner Zeitgenossen, um die Tautologie zu vermeiden und zum „Opfer der Geschichte“ zu werden, wie es euphemistisch heißt. (...)