Von Judith Klein

Viele Überlebende der Arbeits- und Vernichtungslager der Nazis haben Zeugnis abgelegt vom Grauen jener Hölle. Die meisten der in der unmittelbaren Nachkriegszeit verfaßten Berichte wurden nie veröffentlicht, sondern verschwanden in Archiven. Einige wenige Werke, wie Primo Levis „Se questo è un uomo“, das bereits vierzehn Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung auch in Deutsch erschien („Ist das ein Mensch“, Frankfurt 1961), wurden bekannt. Nun liegt, vierzig Jahre nach dem ersten Erscheinen und mehr als dreißig Jahre nach der Übertragung ins Italienische, die deutsche Ausgabe eines der erschütterndsten Bücher vor, die es in der französischen Literatur gibt:

Robert Antelme: Das Menschengeschlecht; aus dem Französischen von Eugen Helmlé; Hanser Verlag, München 1987; 410 S., 45,– DM.

Der Autor wurde 1944 als französischer Widerstandskämpfer von der Gestapo verhaftet, in das KZ Buchenwald deportiert und von dort in das Außenlager Gandersheim verfrachtet. Mittel des Mordens waren hier Kälte, Krankheit, Schmutz, Gewalt; Arbeit diente dazu, die Lebenskraft der Häftlinge auszulöschen und sie feindlichen Elementen, dem Frost und der Nässe, auszusetzen. Aber es waren und blieben Menschen, von denen das größte gegen Menschen verübte Verbrechen herrührte; Peiniger und Opfer gehörten ein- und derselben Gattung Mensch an.

Hunger, Tod und Widerstand überragen in Antelmes Buch alle anderen Themen. Während Bedürfnisstillung gewöhnlich nicht nur auf die bloße Erhaltung des Lebens zielt, sondern Lust am Leben und Selbstbestätigung ist, entsprang die Nahrungssuche im Lager unendlichem Hunger. Die nackte Existenz stand auf dem Spiel. Die Radikalität, das Unmaß des Bedürfnisses wird in Antelmes Text fühlbar durch die Intensität und die dankbare Zuneigung, mit der etwas so Kleines wie eine Kartoffelscheibe bedacht wird. Nahrung nahm aber nur selten die Gestalt einer duftenden Kartoffelscheibe an, meist war sie wässrige Suppe, verfaulter Abfall, Hundefutter, stinkendes Kohlblatt. Die Häftlinge kratzten die Erde auf, leckten an leeren Näpfen.

Der Versuch zu überleben, ist für Antelme keinesfalls verächtlich, ist im Gegeneil eine Handlung des Widerstandes gegen das mörderische Projekt der SS, das für alle Häftlinge Sterben vorsah. Verächtlich ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod der anderen. Widerstands- und Überlebenswille hing von Hoffnung und von der Überzeugung ab, daß die Macht der SS nicht grenzenlos sei. Grenzen der SS zu entdecken, gab den Häftlingen Genugtuung, stärkte ihre Widerstandskraft; die SS-Männer scheinen ihnen vom Pfeifen des Zuges ebenso abhängig wie sie selbst, auch ihr Gedanke vermag nicht einen Stein zu bewegen, im Gegenteil: „ein Stein kann sie zu Fall bringen...“ Die Gegenstände der äußeren Welt werden Verbündete, die SS kann sie nicht bestreiten:

„Ein Waggon, der ein Waggon ist, ein Pferd, das ein Pferd ist, die Wolken, die aus dem Westen kommen, alle Dinge, die die SS nicht in Frage stellen kann, sind großartig; sogar die Schwerkraft, die dafür sorgt, daß ein SS-Mann fallen kann ... Nur, weil die SS beschlossen hat, daß wir keine Menschen sind, sind die Bäume noch lange nicht vertrocknet und abgestorben.“