Von Roger de Weck

Paris, im April

Die französischen Publizisten haben die Eigenart, daß sie oft und gerne aus dem vorrevolutionären Wortschatz schöpfen, wenn sie nach Bezeichnungen für den Präsidenten der Republik suchen. Sie stempeln ihn zum "Monarchen", "Herrscher", "König" oder, frei nach Machiavelli, zum "Fürsten". Der Elysée-Palast heißt denn auch im Jargon der Politiker und hohen Beamten schlicht "das Schloß". Läßt nun am Wahlsonntag der Schloßherr François Mitterrand seine Untertanen bitten?

Das Volk ist alles andere als untertänig, es pflegt seine Regenten immer wieder in die Schranken zu weisen: Charles de Gaulle mußte vorzeitig zurücktreten, Valéry Giscard d’Estaing wurde nicht wiedergewählt, Präsident Mitterrand büßte seine Mehrheit in der großen Kammer und damit einen Teil der Macht ein. Die Nachkommen derer, die im Januar 1793 den König enthaupteten, lassen auch heutzutage die Hochmögenden und Hochmütigen zittern. Frankreich hat einen großen Verbrauch an starken Männern, die früher oder später unter das politische Fallbeil geraten. Die republikanische Streitlust übertrifft die monarchistische Ehrfurcht bei weitem.

Das französische Staatsoberhaupt ist zugleich mächtiger und gefährdeter als der deutsche Bundeskanzler, der britische Premierminister oder selbst der amerikanische Präsident. Der President de la République hat es mit sprunghaften Landsleuten zu tun, die das eine Mal schreiende Willkür dulden und das andere Mal unversehens auf die Barrikaden steigen. Die Franzosen wissen um ihre Disziplinlosigkeit und die Notwendigkeit einer straffen Führung. Freilich läßt sich ihr rebellischer Drang nicht ewig zügeln, und dann fegt ein Sturm über das Land. Die französischen Wähler sind zanksüchtige Republikaner, denen die anfängliche Freude an monarchistisch verordneten Ruhepausen stets schnell vergeht.

Eigentlich sollte eine siebenjährige Amtszeit für Kontinuität bürgen, und dennoch herrscht eine stete Unsicherheit: Seit 1965, als der Präsident zum ersten Mal direkt vom Volk gewählt wurde, vermochte einzig und allein Giscard ein ungeschmälertes Septennat zurückzulegen. Charles de Gaulle ging nach drei, Georges Pompidou starb nach viereinhalb Jahren; François Mitterrand mußte sich nach fünf Jahren in die "Kohabitation" mit dem rechten Premierminister fügen.

Der Präsident schwebt zwar in ständiger Gefahr, aber die Franzosen verlangen zuallererst, daß er ihnen Schutz bietet. So verhält es sich jedenfalls seit Anbeginn der Fünften Republik: Charles de Gaulle wurde als Retter in der Not gerufen, weil die Vierte Republik mit der Algerienfrage nicht fertig wurde und daran zerbrach. Der General schloß mit den Franzosen eine Art Schutz- und Trutzbündnis. Dafür, daß er sie aus ihrer verfahrenen Lage befreite und alle Risiken auf sich lud, sollte man ihn gefälligst gewähren lassen.