Von Raimund Hoghe

Am Ende ist die Totgeglaubte wieder auf einer Straße in Berlin zu sehen: eine alte Frau, die unermüdlich weitertanzt. "Daß es nie zu Ende ist, das finde ich wunderbar", kommentiert Lotti Huber ihre Schlußszene in Rosa von Praunheims neuem Film "Anita – Tänze des Lasters", in dem sie einmal mehr sie selbst sein kann: eine Frau, die nicht aufgibt.

Im Presseheft ihres ersten gemeinsamen Films, "Unsere Leichen leben noch", stellte Rosa von Praunheim sie 1981 unter anderem so vor: "Also eine ganz Verrückte, sage ich Ihnen. Spontan, lebenslustig, eine Tänzerin. Ist Jüdin, war im KZ, dann in Palästina. In Zypern hatte sie ein Lokal. Es war ein exzentrischer Punkt der Insel. Tanzt, schreibt und sagt die Zukunft voraus.

Rosa sei damals zu ihr gekommen und habe von seinem Plan erzählt, einen Film über fünf ältere Frauen zu drehen und ob sie nicht eine von ihnen sein wollte. Ihre erste Reaktion: "Machen Sie einen Film mit mir, und lassen Sie die anderen vier." Aber dann habe sie doch mitgemacht – trotz aller Warnungen vor Praunheim. "Er quetscht dich aus wie eine Zitrone", habe man ihr prophezeit. Abschrecken konnte sie das nicht. "Diese Zitrone hat viel Saft", stellt sie selbstbewußt fest. "Ich meine, zum Ausquetschen gehören doch zwei. Mit der Huber macht niemand was, die Huber macht mit sich selbst." Das sei schon in der Kindheit so gewesen. Nicht die Mutter, "eine wunderbare Frau", habe sie erzogen, sondern "ich hab’ sie erzogen".

1912 als Tochter eines jüdischen Textilkaufmanns und seiner 18 Jahre jüngeren Frau in Kiel geboren, besuchte Lotti Goldmann wie andere höhere Töchter eine standesgemäße Tanzschule. Schon weniger standesgemäß interessierte sie sich vor allem für modernen Tanz. "Mein ganz großes Idol war Harald Kreutzberg." Die mit nackten Füßen tanzende Isadora Duncan galt noch als shocking, und von der oft hüllenlos auftretenden Anita Berber "durfte man überhaupt nicht sprechen. Ich weiß noch, wie meine Mutter sich über die Berber mokiert hat – ‚So ein verworfenes Geschöpf‘. Und wir fanden das natürlich irre und wollten das auch sein." Als die skandalumwitterte Berber 1928 fast vergessen starb, war Lotti gerade 16.

Mit 17 verliebte sie sich "unsterblich in den Sohn des Oberbürgermeisters von Kiel". Nach dem Abitur ging sie mit ihm nach Berlin, um auf den Spuren von Mary Wigman und Laban Tanz zu studieren. "Und dann kamen die Nazis, und ich durfte nicht mehr."

"Diese junge dramatische Begabung muß man im Auge behalten", schrieb ein Kritiker über einen der ersten Auftritte von Lotti Goldmann – "und die Nazis behielten mich im Auge, und ich kam ins KZ." 1937 waren die Jüdin und ihre Kieler Jugendliebe von einer Schulfreundin wegen Rassenschande denunziert worden. "Jeder Dreck konnte ja auf den Menschen spucken, vor dem er vorher gedienert hat", sagt Lotti Huber. "Mein Geliebter wurde verhaftet und unter ungeklärten Umständen erschossen."