Von Peter Horst Neumann

In einer pünktlicheren Rezension war zu lesen, dies sei ein „Verlegenheitsband aus Gelegenheitsarbeiten“. Jemand hatte zu schnell gelesen, und es war nicht „sein“ Buch. Mir gehört es zu denen, die langsam zu ihren Lesern kommen, vielleicht um zu bleiben. Langsam in doppeltem Sinn, denn seit Ilse Aichingers letztem Prosaband („Schlechte Wörter“) sind elf Jahre vergangen, neun seit der einzigen Sammlung ihrer Gedichte („Verschenkter Rat“). Nur einmal hat sie ein Buch, ihr erstes, wirklich als Buch konzipiert – „Die größere Hoffnung“. Im März hat sie für diesen Roman den von einer Schülerjury verliehenen Weilheimer Literaturpreis erhalten, so unvermindert ist seine Wirkung nach vierzig Jahren. Alle späteren Bücher – und nun auch „Kleist, Moos, Fasane“ – sind Sammlungen verstreut publizierter Texte, schmale Bücher, unumstößlich und darum an-stößig in jedem Satz.

Wer so er selbst ist in seinen Texten, muß wohl warten können auf die „Augenblicke der Sprache“, in denen das Kenntlichsein im Wahrwerden der Worte endlich gelingt. Spracharbeit ist immer auch ein Metier, gewiß, sie verlangt ihren Fleiß, und der mag sich dann auch in der Zahl von Büchern beweisen. Aber ein anderer Fleiß ist das Warten. In Ilse Aichingers Texten scheint jede Spur von Ungeduld getilgt. Viele ihrer Sätze leuchten, als seien sie durch die härteste Gegenströmung von Angst und Selbstbezweiflung hindurchgegangen, eine, die nicht anders zu passieren war. Das macht ihre Texte kostbar und gibt dem Wort „Sammlung“ einen ganz anderen Sinn als „Verlegenheitsband“. Zu den Autoren, die uns Sekundärliteraten die Zunge lösen, gehört Ilse Aichinger nicht. Wer sich dem Eindruck ihrer Sprache aussetzt, könnte seine Fähigkeit zu geläufigen Sätzen verlieren.

„Kleist, Moos, Fasane“ enthält sechs Erstveröffentlichungen und zehn Reprisen; das Titelstück wurde 1965 zuerst gedruckt. Es sind Texte aus 24 Jahren, einige „Aufzeichnungen“ reichen bis 1950 zurück. Stilistische Veränderungen, was man Entwicklung nennt, sind mir nicht aufgefallen. Was immer die Texte unterscheiden mag, die Stimme ist dieselbe, sie scheint alterslos. Auch die Lust am überraschenden Stillagen-Wechsel wirkt in den späteren Texten so unverbraucht wie in den früheren: das leise Umschlagen der Zartheit in Härte, der Hoffnung in Trostlosigkeit, der Einsichten in Weigerungen, auch der Verlorenheit in trauernden Lebensmut und umgekehrt. Dies alles auf engstem Raum, oft in einem Satz, aber ohne Gedränge, in vollkommen gestischer Rede. (Auf die Frage nach einem Musikwunsch, nur einem, nannte sie Anton von Webern. Wer beide kennt, wird das einleuchtend finden.) Der Humor in den späteren Texten ist rauher, verzweiflungsstärker, närrischer geworden; man sollte ihn genauer untersuchen, die Humoristin Ilse Aichinger ist noch unentdeckt. Beispiele finden sich in jedem Text dieses Bandes, etwa im letzten, einer Meditation über „Schnee“: „Reden und Regen gehen in der Regel zu weit und bewirken meistens nicht, worauf es ankommt. Wenn es zur Zeit der Sintflut geschneit und nicht geregnet hätte, hätte Noah seine selbstsüchtige Arche nichts geholfen. Und das ist nur ein Beispiel.“

Die Sammlung ist dreigeteilt. Die erste Abteilung enthält autobiographische Erinnerungen: an die deportierte jüdische Großmutter, an den 1. September 1939 oder an die Weiße Rose. Herzbewegende Texte über die „Unaufhörlichkeit der frühen Zeit“, Mementos. In einem steht, auf die Zeit nach dem Ende des Krieges bezogen, der Satz: „Wir begannen zu studieren, Berufe zu ergreifen, wir begannen mit dem Versuch, unsere Hoffnung in Zukunft zu übersetzen.“ Ob dieser Versuch gelang, sagt der Text nicht. Aber Sätze aus der zweiten Abteilung lesen sich wie Antworten darauf. Es sind Gedankensplitter, Selbstvergewisserungen, Zurufe, Aphorismen. Man kann sich daran müde und wieder wach lesen: „Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren.“ – „Was verwirklicht wird, wird dem Wesen nach verändert. So schafft Gott Gleichgewicht zwischen den Wünschen.“ – „Wir haben die Wahl zwischen Petrus und Judas: zu verleugnen oder zu verraten.“ Keine erbaulichen Sätze, kaum zum Zitieren geeignet; man muß sie sich zustoßen lassen.

Im dritten Teil stehen Dankreden auf Trakl, Kafka und Nelly Sachs, bei Preisverleihungen gesprochen, eine kurze Betrachtung über Joseph Conrad, eine längere über Adalbert Stifter, an die sich ZEIT- Leser aus dem Jahr 1979 erinnern werden; auch zwei Texte auf Bilder von Helga Michie, Ilse Aichingers Zwillingsschwester. Man könnte diese Texte Verhältnisbestimmungen oder Annäherungen nennen, aber das wäre zu wenig gesagt, es sind Verwandtschaftsbeweise, Selbstbegegnungen im anderen, literarische Blutproben. In jedem trifft sie den Punkt, wo das Eigene als Fremdes und das Fremde als das ihr Vertrauteste evident werden.

Zum Beispiel Kafka. Durch wie viele Gespräche geistert sein Name! Die Titel einer ihm gewidmeten Weltsekundärliteratur füllen einige dicke Bände. Aber fast jede Schrift und fast jedes Gespräch bewegt sich von seiner unauslotbaren Angst davon, ja scheint sich forbewegen zu müssen. Den Wurzeln dieser Angst ist das Nachdenken selten so nahe gekommen wie in Canettis Essay über Kafkas Briefe an Felice Bauer („Der andere Prozeß“). In Ilse Aichingers kleiner Kafka-Rede kommt ein solcher Tiefblick zur Sprache. Er verdankt sich hier aber weniger einer Lektüre als einer Divination, die zu einer Weigerung führte: „... ich las Kafka nicht. Es kam mir vor, als hätte ich in der Wüste noch Wasser bei mir, aber die letzte Handvoll, die man nach dem Tod trinkt. Mir war, als erführe ich meinen Sterbetag, wenn ich zu dem kaum Vorhandenen, das ich von ihm. wußte, auch nur noch einen Satz hinzufügte.“ Sie nennt ihn „ein brennendes Seil über der mit den Jahren nachdunkelnden Welt“. Seine Existenz bedeutet ihr die „Unauflöslichkeit von Freude und Schrecken“.