Von Gabriele Venzky

Ich habe", sagt der alte Om Prakash, "nur noch einen Wunsch: meine Augen zu schließen, damit ich endlich sehe." Auf zittrigen Beinen, einen langen Stock in der einen, ein blankes Messinggefäß in der anderen Hand, das safranfarbene Tuch der Heiligen um den dürren Leib geschlungen, schlurft er vorbei an einem Gebäudekomplex, der in jeder Architekturgeschichte als einer der bedeutendsten und eindrucksvollsten der Neuzeit genannt wird: Le Corbusiers Kapitol in der indischen Stadt Chandigarh.

Keinen Blick hat Om Prakash für das gigantische Sekretariat, das sich wie ein riesiger, symmetrisch gerasterter Elefantenrücken hinter den Bäumen erhebt, für die berühmte Parasol-Traufe hinter der Betonpyramide und der gekappten zylindrischen Riesentonne des Parlaments, von welcher Architektur-Enthusiasten als einer Symphonie in Beton schwärmen, für die mächtigen Gewölbehallen des Obersten Gerichts mit seinem übergroßen Eingangstor, das den Weg freigibt in diese Festung des Rechts. Was ist sie ihm schon, diese Stadt für morgen? Om Prakash hat seine ganze Habe verkauft und wartet auf das Übermorgen, auf die Ewigkeit.

Einen Steinwurf hinter dem Kapitol, diesem Sitz der Macht und dem Höhepunkt der Stadt, beginnt bereits das Chandigarh, wie es Le Corbusier nicht gewollt hatte, Indiens Revolte gegen konsequente Planung, mit Lehmhütten, weidenden Büffeln auf dürrer Wiese, Bauern, die schwere Lasten auf ihren Köpfen davonschleppen in Richtung der Offenen Hand ("offen zu geben, offen zu nehmen"), der mächtigen Skulptur, welche sechzehn Meter hoch in den blauen Himmel ragt.

Wären nicht die flatternde Unterwäsche der Wachmannschaften, ihre zerlöcherten Sonnensegel unter dem Portikus, Le Corbusiers Kapitol würde noch mehr von der Trostlosigkeit ausstrahlen, die sich ohnehin der Stadt bemächtigt hat. Gewiß, der Architekt konnte nicht ahnen, daß er eine Hauptstadt baute für einen Staat, der schon seit Jahren im Ausnahmezustand lebt, in dem praktisch Krieg herrscht und wo im Trio der Macht nur noch die Bürokraten und Juristen herrschen, weil es für Volksvertreter nichts mehr zu tun gibt: Das Parlament des Punjab ist aufgelöst.

Menschenleer ist der überdimensionierte "Plattensee", jene Betonebene zwischen Parlament und Oberstem Gericht. Menschenleer freilich war er auch zuvor meistens, zu den sogenannten normalen Zeiten. Das hatte sich Le Corbusier vermutlich nicht so gedacht, als er seine Akropolis plante, die aller Monumentalität zum Trotz aber vor der aufsteigenden Kulisse des Himalajas eher geduckt und ängstlich wirkt. Das Volk freilich hat sich mittlerweile auf seine Weise Zutritt verschafft: Die Stacheldrahtverhaue sind niedergetrampelt, die monumentale Plaza ist zum Abkürzungsweg geworden vom Dorf in die Stadt, für schwitzende Rikschakulis, barfüßige Gelegenheitsarbeiter, beleibte Mittelklasse-Hausfrauen, Schulkinder und Kuhfladen-Trägerinnen.

Vor einer Generation hatte Le Corbusier den Auftrag bekommen, von dem wohl ein jeder Architekt träumt: eine ganze Stadt zu planen und zu bauen. Es war Jawaharlal Nehru, der erste Regierungschef des unabhängigen Indiens, der 1951 diesen Auftrag vergab. Le Corbusier, der glänzende Bildhauer, Maler, Schriftsteller und Architekt wurde berufen, obwohl er mit seinen städtebaulichen Konzepten bisher eher gescheitert war.