Wenn man bedenkt, daß schon ein fünfzehnter oder gar zwölfter Todestag fürs postmoderne Wiederkäuen Anlaß genug zum „Begehen“ (und zur Profitmaximierung) sind, dann ist der fünfzigste Todestag Edmund

Husserls, dessen man sich am 27. April pünktlich erinnert, eine prallrunde Sache.

Ein Dokumentationsband stattlichen Ausmaßes ist zu einer gleichnamigen Ausstellung in Freiburg/Breisgau (die später in München, Leuven, Paris, Triest, New York gezeigt werden soll), vorgelegt worden, in dem die Verbliebenen seiner Schüler oder zumindest ihm oder der „Bewegung“ Verbundene sich erinnern (Hans-Georg Gandamer, Emmanuel Levinas, Max Müller u.a.) und Jüngere die historischen und systematischen Grundzüge der Phänomenologie rekapitulieren (Ullrich Melle und Eberhard Ave-Lallemant) sowie überraschende, höchst überzeugende Parallelen zwischen „Phänomenologie und Malerei nach 1900“ ziehen (der Herausgeber Hans Rainer Sepp): „Beiden, der Phänomenologie und der Malerei, war in einer ‚Wende zum Objektiven‘, zur Gesamtwirklichkeit, die Suche nach Unmittelbarkeit und Unvermitteltheit, nach Nähe, gemeinsam: Die Wirklichkeit sollte nicht mehr indirekt, im Bild, im Symbol..., in der Konvention erscheinen, sondern als sie selbst faßbar werden.“

Mit der Parole „Zu den Sachen selbst“ und mit einem alles bloß vordergründig Reale einklammernden Blick wollte der aus Mähren stammende Husserl, der sich ursprünglich für die Mathematik entschieden hatte, erstmals und endlich Philosophie als „strenge Wissenschaft“ etablieren, jenseits der Ideologien des Historismus und der „positiven“ Naturwissenschaften, deren explosionsartiges Anwachsen zur Big Science er kaum ahnte. Den Traum von einer durch „Denkerequipen“ zu errichtenden Superwissenschaft hatte Husserl freilich mit der befürchteten Neige abendländischer Kultur und dem Jahr 1933 „ausgeträumt“, wie Max Müller meint. Eurozentrisch-abendländisch war das Denken des großen jüdischen Gelehrten, einer imponierenden Geheimratsfigur, nach Gadamer, noch ganz und gar, wie schon die Titel seiner letzten Veröffentlichungen zur „Krisis des europäischen Menschentums“ und der „europäischen Wissenschaften“ verraten. Auch deshalb ist es nicht abwegig, wenn unlängst ein englischer Philosoph Husserl, neben Gottlob Frege, zu den beiden „Großvätern“ der zwei wirkungsmächtigsten Strömungen des Denkens im 20. Jahrhundert zählt, der Analytischen Philosophie und der phänomenologischexistenzphilosophischen Bewegung.

Heidegger namentlich stahl seinem Lehrer hernach die Wesens-Show und machte etwas gänzlich anderes, mehr und mehr Irrationales daraus. Über die womöglich sinistre Rolle dieses ehemaligen Lieblingsschülers während der Jahre von 1933 bis zu Husserls Tod 1938 erfährt man aus dieser Dokumentation fast nichts. Bei Hugo Ott bestenfalls das Bekannte über die schimpfliche Auslöschung von Husserls akademischer Existenz; Gadamer spricht von Husserls „Rückzug“ vom Lehramt; Max Müller erklärt: „Edmund Husserl war nach 1933 gleichsam isoliert“. So, „gleichsam“, läßt sich’s auch sagen.

Der Bildteil, die „Chronik in Bildern“, ist freilich das Kernstück des gewichtigen Bandes, der die frühe Phase der Phänomenologie bis 1940 abdeckt. Photos zuhauf von Titeln und Frontispizen, von Schrift- und Stenoproben des Meisters, von Stätten, Gebäuden und Landschaften mit und ohne prominente Staffage. Das Übliche, manchmal bloße Füllmasse („Wien. Der Stephansdom“). Nur da, wo die Abbildungen Innenseiten, Wesentliches aufdecken, wo nicht posiert und pointiert wird, sind die Bilder eindringlich, ja ergreifend; etwa Husserls letztes Manuskript, hingekritzelt und durchstrichen, ein letztes Mal? – umsorgt; das zarte, wissende, resignierte Gesicht Malvine Husserls 1938, nach schlimmen Jahren ...

Wie meist wird man beim Durchblättern solcher Chroniken der Geistesgeschichte leicht melancholisch, deshalb vornehmlich, weil man gewahr wird, wie sich Gedankenbewegungen in unseren Zeiten verflüchtigen, wie rasch einstiger Glanz verblaßt. Bald sei man nur mehr fünf Minuten berühmt, hatte der verstorbene Andy Warhol prophezeit. Willy Hochkeppel