Kleiner Länderdialog am Rande

Von Dieter E. Zimmer

Ich lernte Jack kennen, als er sich in der Autobahnraststätte Kleckersfelden-Nord zu mir an den Tisch setzte. Europäer erkennt man immer an ihrem prinzipiellen Skeptizismus: Erstens trauen sie dem Nächsten nicht und bleiben lieber für sich, zweitens finden sie noch vor jeder Prüfung an allem etwas auszusetzen; Amerikaner hingegen suchen erstens Gesellschaft und finden zweitens selbst nach reiflicher Prüfung alles ehrlich wundervoll.

Ehe er noch etwas sagte, wußte ich darum, daß Jack Amerikaner war. Denn noch niemals hatte ich gesehen, daß jemand ein Raststättenmahl mit soviel sichtlichem Genuß verzehrt. Nach dem zutraulichen Austausch unserer Personalien waren wir per du, und er fragte, ob ich ihm wohl verraten könnte, was er gerade esse. „Eine kalte Bulette“, sagte ich. Er fragte: „Was ist eine Bulette?“ – „Das weiß eben keiner genau“, antwortete ich. „Wörtlich ein Kügelchen. Hackfleisch, Brötchen, alles mögliche durcheinander. Eine Art Vorläufer des Hamburgers.“ – „Wundervoll“, sagte Jack, „bei uns ißt man Hamburger immer in Schichten, außen das Brötchen, innen das Fleisch. Ihr macht es viel praktischer, ihr mixt alles zusammen. Das ist viel massiver. Unsere Hamburger ißt man normalerweise immer frisch. Eure Kügelchen kann man tagelang liegenlassen. Wundervoll.“

Ich schob meine sicher auch schon vor Tagen erstmals gebratene Schweinshaxe beiseite und rückte näher. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Dieser Jack besaß offenbar die höchst ungewöhnliche Fähigkeit, Gefallen an unserer Lebensart zu finden. Es entspann sich ein Gespräch, das etwa so verlief:

Ein Icebone-Essen

„Wie schmeckt dir denn sonst unser Essen?“ – „Oh, wundervoll. Das Brot, die Wurst, das Bier, die sind ja weltberühmt. Aber ich habe auch probiert, was bei uns niemand kennt. Wie unsere Pioniere geht ihr noch in den Wald und schießt Tiere tot, Rehe, Kaninchen. Und ihr eßt, was niemand bei uns anrühren würde, alle diese inneren Organe, die bei uns einfach irgendwohin verschwinden – Därme oder Lungen oder Thymusdrüsen. Oder diese raffiniert undefinierbaren Mischgerichte, Sülze, Preßsack, Leberkäs, Falscher Hase, Schwartenmagen. Mich wundert, daß in der Welt immer italienische, chinesische, griechische oder französische Restaurants erfolgreich sind. Wenn ich das Geld hätte, würde ich zu Hause eine deutsche Kette aufmachen. ‚The Fatty Icebone‘ oder so ähnlich.“