Wer in die Pedale tritt, wird München aus einer völlig neuen Perspektive erleben

Von Monika Putschögl

Bedeutsames hatte man mir versprochen – ein ganz neues Stadtgefühl, Erfahrungen abseits der von Tausenden von Touristen "abgelatschten" Trampelpfade, schlichtweg eine Begegnung der besonderen Art.

Die Begegnung beginnt bei Lothar Borucki in der Hans-Sachs-Straße 7. Lothar Borucki verleiht Fahrräder. Ich zahle zwölf Mark, bekomme ein himmelblaues mit Dreigangschaltung, das nicht gerade hochgezüchtet ist, sondern eher ein verläßliches Stahlroß, und dazu die Ermahnung, es immer brav anzuketten, wenn ich es allein lassen muß. Derart gerüstet kann ich mich auf den Weg durch meine Geburtsstadt machen – "Radl-Sightseeing durch München" heißt das Motto.

Vom Fremdenverkehrsamt habe ich mir eine Broschüre (50 Pfennig Schutzgebühr) mit vier Tourenplänen besorgt. Meine Route ist haargenau eingezeichnet, gegliedert in viele kleine Teilstrecken, und nicht nur die Sehenswürdigkeiten sind vermerkt, sondern auch die Klohäusl und, gleichsam als Rettungspunkte, die U- und S-Bahn-Stationen.

Ich habe mir die Strecke "München für Kenner" ausgesucht: circa 21 Kilometer, Fahrtdauer mit Besichtigung vier bis fünf Stunden, spätestens um 18 Uhr muß ich wieder zurück bei Herrn Borucki sein. Ich lasse mir den Sattel einstellen, drehe eine Proberunde vor dem Geschäft, schalte in den zweiten Gang und radle los.

Nach 200 Metern ist die freie Fahrt zu Ende. Die Müllabfuhr stoppt meinen Weg. Ich steige ab und laviere mich, vorsichtig schiebend, vorbei. Schon ein paar hundert Meter weiter geht es erneut nicht mehr weiter. Kaum habe ich auf dem breiten, leeren Fahrradweg am Isarufer entlang Deutsches Museum, Europäisches Patentamt und Lukaskirche passiert, zwingt die Maximilianstraße zum Schieben. Der Verkehr tobt um Max II., der überlebensgroß und unbeeindruckt aus dem Getümmel ragt. Die Straßenbahn kommt in die Quere, und ich soll laut Plan links abbiegen. Ich steige leise fluchend ab. Ist es nicht eine Schnapsidee, ohne Zwang mit dem Fahrrad quer durch eine Millionenstadt zu kurven und just die Stellen anzusteuern, an denen ausgerechnet kein einziger Meter vom angeblich 1100 Kilometer langen Fahrradnetz zu finden ist?