Wie der junge Herr P. die Krise des Nichtälterwerdens auf wunderbare Weise überwand

Nun ist Herr P. endlich glücklich. Nun ist Herr P. nicht mehr allein. Nun braucht Herr P. nicht mehr erwachsen zu werden. Das wollte er nämlich noch nie. Schon als Kind hatte er sich für die ewige Jugend entschieden, und kaum besaß er die nötige intellektuelle Reife, um seinen Lebensentwurf, wie die Jugendforscher das nennen, zu entwerfen, stand für ihn fest: Du wirst dereinst nicht als Lokomotivführer oder Fußballnationalspieler oder Chefarzt pensioniert, sondern gehst als festangestellter Haschrebell mit Dienstmotorrad in Rente.

Herr P. nahm die Postadoleszenz also schon in Angriff, als die Soziologen noch gar nicht so recht wußten, was das ist: die immer längere Jugendphase, an deren Ende das lustvolle Dasein eines kindischen Rentners steht, ohne daß man sich der Mühe des Erwachsenendaseins unterzogen hat – mit seinen lästigen Verpflichtungen wie Kindermachen, Krawattentragen, Karrierebasteln.

Heute, mit 34, ist Herr P. seinem Lebensziel ein gewaltiges Stück nähergekommen. Seine Umgebung in einer großbürgerlich-liberalen Wochenzeitung macht es ihm auch leicht, nimmt zum Beispiel keinen Anstoß an seinem Äußeren, das mehr von seinem Motorrad als von den Repräsentationspflichten eines seriösen Presseorgans bestimmt ist. Aber es ist noch gar nicht lange her, daß sich Herr P. recht unsicher fühlte. Je mehr er sich nämlich von den zwanziger Jahren seines Lebens entfernte, desto mehr irritierten ihn die alljährlich nachrückenden Twens.

Herr P., man muß es so hart sagen, hatte den Anschluß an den Zeitgeist verloren. Er sah in den jungen Menschen, auch wenn sie zehn, ja fünfzehn Jahre jünger waren, so etwas wie Tanten und Onkel, die, Jahrgang um Jahrgang, ernster und damit erwachsener wirkten und von denen sich viele so zu kleiden schienen wie seine Großeltern. „Darfst du das alles ignorieren?“ begann Herr P. sich zu fragen: Müssen dich die jungen Leute, die so rasch von Kindern zu Erwachsenen werden, nicht eines Tages belächeln als ein ulkiges Relikt aus längst vergangenen Zeiten? Auch die gleichaltrigen Kollegen wirkten immer würdiger, und jene Freunde aus Herrn P.’s Jahrgang, deren höchstes Glück auf Erden ist, in einer Disco von attraktiven Typen auf zehn Jahre jünger geschätzt zu werden, wurden von Discomonat zu Discomonat weniger.

Das Grübeln lähmte mehr und mehr die Schaffenskraft von Herrn P. Frech grinste ihn der Zeitgeist aus jenen neuen Zeitschriften an, für die sich Herr P. nun aber wirklich zu erwachsen vorkam. Da nahte die Rettung in Gestalt des Soziologieprofessors Heiner Meulemann von der Katholischen Universität Eichstätt. Dieser großartige Mann hatte 1989 ehemalige Gymnasiasten befragt, die um das Jahr 1954 herum geboren sind. Und von diesen Menschen in ihren Dreißigern bezeichneten sich selbst nur drei Viertel als „Erwachsene“. 25 Prozent aber sagten, sie fühlten sich weder „erwachsen“ noch „jugendlich“ oder sie seien „Jugendliche“ oder sie seien „jugendliche Erwachsene“ oder „erwachsene Jugendliche“. Und jeder zweite erklärte, man könne auch glücklich sein, ohne eine Familie zu gründen.

Ein Viertel der Jahrgänge 1953, 1954 und 1955, um nur die zu nehmen, das sind schon mehr als 643 000 Menschen – alles Brüder und Schwestern im Geiste. Dank Professor Meulemann trägt Herr P. seinen Ohrring und seine Lederjacke, läßt er sich von seinem Motorrad tragen, wieder völlig im Einklang mit der Welt: als Repräsentant einer bedeutenden gesellschaftlichen Gruppe, die, wenn sie zusammenhält, jedem Zeitgeist widerstehen kann.

Klaus Pokatzky