„Die Zeit des Verbrechens“ von Claude Lelouch

Der Kinematograph ist eine vielseitige Maschine. Mancher braucht ihn als Waffe, als Folterbank oder als Kühlaggregat. Claude Lelouch benutzt ihn wie eine Küchenmaschine: Mal rührt er damit klebrige Saucen, mal lockere Süßspeisen. Rührung jedenfalls verlangen alle seine Rezepte. Und viel Schaum ist auch immer dabei.

Sein neuer Film heißt im Original „Attention Bandits“. Das klingt gefährlich und ist auch so gemeint: Ein Raub, eine Entführung, ein Mord – gleich in der ersten Viertelstunde. Jeder Schuß zielt auf unsere Tränendrüsen.

Ein Melodrama, als Krimi getarnt: Simon Verini ist ein Gangster mit Gemüt, aber ohne Glück. Seine Frau wurde erschossen, ein großer Coup ist geplatzt. Er schafft es noch, seine Tochter in ein Schweizer Internat zu bringen, dann muß er für zehn Jahre ins Zuchthaus. Weil Verini der Kleinen diese Wahrheit nicht zumuten will, erfindet er sich ein neues Leben, schreibt ihr Briefe aus fernen Ländern und exotischen Städten.

Der Mann lügt aus Barmherzigkeit – und ist schon deshalb ein enger Geistesverwandter seines Regisseurs. Denn auch Lelouch filmt lieber hübsche Lügen als die nackte Wahrheit – weil er es gut meint mit seinem Publikum,

Der melancholische Gangster Verini, das wäre eine Rolle für Jean Gabin gewesen. Gabin aber ist tot, die Rolle spielt Jean Yanne, und er spielt sie souverän. Am Schluß singt Gabin im Off ein Chanson, das uns gerade noch zu unserem Glück gefehlt hat. Und nur verstockte Kritiker ärgern sich darüber, daß Claude Lelouch sich immer noch weigert, mit Filmen die Welt zu erklären.

Claudius Seidl