Eigentlich gehört Gary in diese Geschichte nicht hinein. Sie handelt vom Fußball in England und von den verrufenen Fans des FC Liverpool. Ich fand nie heraus, ob Gary an diesem Morgen wirklich zum Fußball nach Liverpool fuhr. Er saß auf einer Bank an Gleis 12 in Manchester Piccadilly, steckte sich, als ich die Treppe zum Bahnsteig herunterkam, eine zusammengerollte Ausgabe des Daily Mirror in den Hosenschlitz und simulierte mit gnomenhaftem Grinsen auf den Zügen einen grotesken Masturbationsakt.

Gary hat dennoch seinen Platz in dieser Geschichte. Denn Fußball im rauhen Norden Englands ist Theater: derbes, schweißtriefendes Theater. Weil es ein Theater aus der Fülle des Lebens ist, ist es mal-ausschweifend und mal rührend artig, mal mitreißend und mal abstoßend – und immer wieder ein Affront gegen alle bürgerlichen Normen und Werte. Garys burleske Obszönitäten waren die Introduktion zu einer großartigen Aufführung.

In Liverpool angekommen, verlor ich ihn sogleich aus den Augen. Er verschwand irgendwo in dieser Stadt, die so anders ist als alle anderen englischen Städte. In ihr vermischen sich schamlose Leidenschaftlichkeit mit spießiger Ordnungsliebe, anarchisches Draufgängertum mit kleinlicher Parteilichkeit, ungebändigte Kreativität mit starrköpfiger Bildungsfeindlichkeit. So jedenfalls war mir Liverpool von früheren Besuchen in Erinnerung geblieben.

Ich traf die Gruppe, mit der ich mich verabredet hatte, in der Lower Breck Street vor dem Backsteinbunker des Liverpool FC Supporters Club. Ein paar verschwiemelte Typen standen da, die, es war viertel nach neun Uhr, den morgendlichen Brand mit ein, zwei Dosen Bier vertrieben. Die meisten aber waren ganz propere Jungs; ausgeschlafene, aufgeweckte, in Jeans und Designerjacken steckende Modellbilder einer Arbeiterklasse im Zeitalter der thatcherschen Dienstleistungsrevolution – hier und da auch einige Fußballbräute, in Stöckelschuhen und Miniröcken, obwohl ein bitterkalter Ostwind durch die Straßen blies. Manche hatten mit Sandwiches vollgepackte Plastiktüten dabei. Wir kletterten in einen alten Plaxton Luxury Coach. Kein Bier kam in den Bus.

Die Reise mit dem Fußballteam, in Liverpool ein allwöchentliches Ereignis, war von langer Hand geplant und abgesprochen mit Chief Superintendent Brian Mole von der South Yorkshire Police. Drei Wochen zuvor waren die Halbfinalspiele um den Pokal der Football Association verlost worden. Das Los paarte den FC Liverpool, Spitzenreiter in der Liga mit einem Vorsprung von 15 Punkten, mit Nottingham Forest, derzeit auf Platz vier der First Division.

In England werden Halbfinal-Begegnungen auf neutralem Boden ausgetragen. Sheffield liegt auf halbem Weg zwischen Nottingham und Liverpool, und hier, im Stadion des Sheffield Wednesday Club, sollte die Begegnung stattfinden.

Vom Tag der Auslosung an war Chief Superintendent Mole mit Vorbereitungen beschäftigt. Jede Begegnung wird, je nach dem zu erwartenden Gewaltpotential, als A, B, C oder D klassifiziert. Das Halbfinale in Sheffield wurde als A-plus eingestuft. Das bedeutete: Die Polizeidirektion in Sheffield legte jedes Detail fest, angefangen von der Zuteilung der Eintrittskarten über die Organisation der Busse bis zu den Fahrtrouten, den Abfahrts- und Ankunftszeiten. Der Chief Superintendent zog ein Aufgebot von 900 Polizisten für den Spieltag zusammen, 30 beritten, 45 in Zivil. Nichts blieb dem Zufall überlassen. Die Angst vor den Hooligans sitzt tief.