Von Wolfgang Gehrmann

Der Tod ging durch das Land. Die Mediziner wußten wenig Hilfe. „Wer jetzt krank wird“, so rieten die Apotheker in Duisburg dem Volk, „kann sich gleich erschießen.“ Die Standeskollegen in Heidelberg hatten diese Diagnose parat: „Weil du arm bist, mußt du früher sterben.“ Die Vereinigung der Dialysepatienten wußte noch genauer, wem die Stunde geschlagen hatte: „Wer unter zwölf oder über 55 Jahre alt ist, muß sterben.“

Die Todesdrohung, auf Flugblättern tausendfach verteilt, wollte Alte, Arme und Kranke zum Aufstand rufen. Weil Sozialminister Norbert Blüm die Ausgaben der Krankenkassen im kommenden Jahr um vierzehn Milliarden Mark drosseln will, polemisieren Ärzte, Apotheker, Arzneihersteller und die Lobbyisten anderer Heilberufe seit vier Monaten gegen Bonns derzeit bestbeschäftigten Mann. Medikamente, falsche Zähne, Kuren und Brillen – alles soll etwas billiger werden. Wer Gesundheit verkauft, muß sich deshalb um sein Einkommen sorgen, möglichst laut und sichtbar.

In Frankfurt kamen vor der Alten Oper 2500 Apotheker zur Demo zusammen. Sie präsentierten auf Transparenten den neuen Apo-Slogan „Billig-Arznei? – Nein Danke!“ Auf dem „Kleinen Bädertag“ in Bad Salzschlirf schalt Bäderverbands-Hauptgeschäftsführer Gerhard Hüfner Blüms Reform einen „gesundheitspolitischen Bumerang“ und ein „Arbeitsplatzvernichtungsgesetz“ – 25 000 Jobs in Kurorten seien gefährdet, wenn die Kassen mit dem Zuschuß zum Kurlaub knauserten. Taxifahrer aus der ganzen Republik legten mit einer Rallye auf Bonn den Verkehr lahm, weil Blüm an der Taxifahrt zum Arzt sparen will. Praktische Ärzte schmückten ihre Wartezimmer mit Protest-Postern. Der Pharmaverband tat mit einer Anzeigenserie gegen Blüms „Einheitsmedizin“ seine Pflicht. Selbst der Chef der Chemiegewerkschaft, Hermann Rappe, sorgte sich sehr um die Gewinne der Arzneiindustrie, weil künftig vielleicht das Geld für die Medizinforschung fehlen könnte.

Die Stimmungsmache der Verbandsfunktionäre wollte das wochenlange politische Ringen der Bonner Koalitionsparteien um die Reform des Gesundheitswesens steuern. Norbert Blüm hat diese Gefahr früh gesehen. Schon zu Jahresbeginn beschwor er die Abgeordneten von Union und FDP in einem Rundbrief: „Vor dieser Kritik werden Bundesregierung und Koalition nicht in die Knie gehen. Unser Reformkonzept ist mutig und ideenreich, ausgewogen und gerecht.“

Das Selbstlob war so nötig wie vergebens. Am vergangenen Wochenende haben die Chefs der drei Koalitionsparteien das Programm der Gesundheitsreform abgesegnet: Es ist ein wirres Knäuel von hundert Kompromissen (siehe Seite 23: Die wichtigsten Punkte der Gesundheitsreform). Das wichtigste Reformvorhaben der Christlich-Liberalen ist ein Opfer der Lobby geworden – mehr noch aber eines der Koalition selbst und ihrer Kontroversen.

Daß sie über die Sanierung der Krankenkassen einig seien – diesen Eindruck hatten die Regierungsparteien nur so lange verbreiten können, wie es nicht ernst wurde. Im honeymoon der Herbstwende von 1982 hatte man unisono verkündet, daß nun neue Mittel nötig seien, die ständig steigenden Ausgaben der Sozialversicherung und die immer höheren Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu stoppen. Über Jahre hatten die Arbeitsminister der SPD Arzthonorare eingefroren, Rezeptgebühren erhöht und die Pharmaindustrie um Mäßigung bei den Preisen gebeten. Vergebens.