Von Hansjakob Stehle

Immer schon haben sie die Gemüter erregt, sind sie „dumm gelobt und dumm getadelt worden“, so schrieb 1848 der württembergische Geschäftsträger in Rom über die Jesuiten. Was ihn nicht hinderte, sie als unheimliche Gestalten zu beschreiben: „Ihr Blick ist zur Erde gerichtet; wenn er den Vorübergehenden trifft, so ist er durchdringend, ohne beleidigend zu sein. Nie sieht man sie mit Regenschirmen, oder auf der Straße ein natürliches Bedürfnis verrichten, nie hört man sie laut miteinander reden ...“

Zwischen Bewunderung und Kritik

Frei von Klischee-Vorstellungen und Vorurteilen über diesen größten Orden der katholischen Kirche blieben nicht einmal die Päpste, mit denen die Jesuiten durch ein besonderes Gehorsamsgelübde verbunden sind; einer hat 1773 den Orden einmal für dreißig Jahre verboten, ein anderer – der heutige – glaubte sie zu Rechtgläubigkeit und Disziplin ermahnen zu müssen. Jeder Versuch, dieser einzigartigen Gemeinschaft von 25 000 in aller Welt wirksamen Männern gerecht zu werden, wird unvermeidlich zu einer „Gratwanderung zwischen Bewunderung und Kritik“. So kennzeichnet der Autor selbst sein Buch, das den Vorzug einer langen persönlichen Nähe zum katholisch-römischen Milieu mit der Distanz des klugen, sachkundigen Beobachters, wissenschaftliche mit journalistischer Methode verbindet. Die oft dramatische Geschichte des Ordens und sein religiöser Eifer, ebenso im Widerstand gegen eine sich wandelnde Welt wie in der Anpassung an die Zeitläufte, werden vor dem Hintergrund jener Regeln, Satzungen und geistlichen Übungen dargestellt, die der Ordensgründer Ignatius von Loyola gleichsam als zeitlose Schlüssel hinterlassen hat: zum Öffnen und zum Versperren. Sie machen philosophische und theologische Kühnheit ebenso möglich wie inquisitorische Verhärtung, heilige Experimente wie den „kommunistischen“ Jesuitenstaat in Paraguay ebenso wie ein barockes Theater und die so beargwöhnte Jesuiten-Moral. Da hat zwar nie der gute Zweck jedes Mittel geheiligt, wohl aber bildet „die Konzessions-Bereitschaft des Ordens an die Schwäche des Menschen“ einen ihrer tragenden Pfeiler, wie Fischer feststellt. Er schildert eindrucksvoll die Orientierungskonflikte, aber auch die fruchtbaren Denkanstöße, die sich daraus in der Geschichte des Ordens immer wieder ergaben (wobei man in dem Buch genaue Quellenangaben vieler Zitate und einen Namens-Index vermißt). Die heutige Lage der Jesuiten, ihr Regierungssystem, ihre Aktivitäten und Schwierigkeiten werden mit Zahlen und Fakten genau dargestellt, zuweilen auch anekdotisch gewürzt; bedeutende Köpfe wie Karl Rahner und Nell-Bräuning werden portraitiert.

Sie sollen Avantgarde bleiben

Der Ordens-General Kolvenbach, vom Papst zum „heiligen Kampf“ ermahnt, hält Begriffe wie „konservativ“ oder „progressiv“ für bedeutungslos im Orden. Viele Jesuiten wollten nicht nur die Freiheit des Geistes, sondern auch noch alles in katholischen Zeitungen publizieren, sagt er zu Fischer, der da „ein gut’ Stück Humor“ heraushört. Oder ist es die ironische Gelassenheit dessen, der – Krise hin oder her – fest daran glaubt, daß ohnehin „der Heilige Geist die Kirche immer nach vorn bläst“? Auch der Autor wünscht den Jesuiten, „Avantgarde“ zu bleiben und alte Probleme hinter sich zu lassen. Doch nicht nur in der Nachhut des Zeitgeistes, auch in der Vorhut läßt sich das Gepäck der Geschichte nicht abwerfen. Und so manche – nicht nur politische – Utopie ist daran gescheitert.

Heinz-Joachim Fischer: Der Heilige Kampf. Geschichte und Gegenwart der Jesuiten; Piper Verlag, München 1987; 281 S., 17,80 DM