Ein Briefwechsel zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer

München, den 26. Oktober 1987

Lieber Herr Friedländer,

Ihre Einwände liefern reichlich Stoff für unseren weiteren Gedankenaustausch. Sie zeigen natürlich auch die ganzen Schwierigkeiten eines deutsch-jüdischen Gesprächs über die Darstellung und Erinnerung der NS-Vergangenheit. Sie äußerten vor einger Zeit die Befürchtung, die verstärkte Rückwendung auf die jeweils eigenen geschichtlichen Erfahrungen und Betroffenheiten bei Deutschen und Juden könnte die Schwere einer gegensätzlichen Darstellung dieser Zeit stärker öffnen als je zuvor. Diese Gefahr besteht sicher, und auf eigene Aspekte, die dabei auch mich beunruhigen, will ich im folgenden zu sprechen kommen. Aber vielleicht sollte man die Situation auch mit einer gewissen Zuversicht sehen. Angesichts der Lebhaftigkeit der Kontroversen, aber doch auch des neuen Nachdenkens, das, so scheint mir, durch Ereignisse wie den Historikerstreit in Gang gekommen ist, frage ich mich, ob sich hier nicht auch neue Möglichkeiten des bisher versäumten deutsch-jüdischen Gesprächs anbahnen.

Hat dieses Gespräch, das Gersholm Scholem schon vor 25 Jahren als einen bloßen Mythos bezeichnete, als ein öffentliches Ereignis bisher überhaupt stattgefunden? Gilt für dieses „Gespräch“ in bezug auf die deutsche Seite im wesentlichen das gleiche, was ich auch der eigenen deutschen öffentlichen Vergangenheitsbewältigung angekreidet habe: daß sie trotz aller Meriten bei der Setzung des politisch-moralisch grundsätzlich richtigen Tones doch seit geraumer Zeit im Deklamatorischen steckengeblieben ist, ohne Kraft und Phantasie auch zu moralisch neubewegender historischer Besinnung? Sind bei den deutsch-jüdischen Zeitgeschichts-Diskussionen, die es in Israel, in der Bundesrepublik und anderswo immerhin seit zwei Jahrzehnten in stärkerem Maße gegeben hat, nicht viele der besonders heiklen, am meisten gegensätzlichen Empfindungen und Erinnerungen bewußt oder unbewußt ausgespart worden, weil man sonst zu gar keinem Gesprächskontakt gekommen wäre? Und ist deshalb wirklich verwunderlich, wenn jetzt, nachdem, aus welchen Gründen auch immer, auf beiden Seiten das Bedürfnis stärker geworden ist, solche Erinnerungsbestände mit größerer Offenheit zur Sprache zu bringen, dies nun natürlich, weil ungeübt und ungeprobt, auch mit allen möglichen Ungeschicklichkeiten, wechselseitigen Verletzungen und empfindlichen Gegenreaktionen einhergeht? Ich möchte das nicht einfach als Grund zur Entmutigung ansehen. Nehmen Sie diese – hypothetische – Überlegung auch als erste Antwort auf Ihre besonders pressenden Fragen im Schlußteil ihres Beitrags. Ich will auf ihre wichtigen Einwände im folgenden nicht punktuell nacheinander eingehen, sondern wiederum versuchen, meine Stellungnahme zu einigen größeren Komplexen zu bündeln. Ein Grundmißverständnis des Begriffs von Historisierung, wie ich ihn vorgebracht habe, ist die Annahme, es gehe dabei um eine bewußte oder fahrlässig bewirkte – Revision der in der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik mit fast ausnahmsloser Übereinstimmung seit langem fest etablierten klaren Be- und Verurteilung der historisch inzwischen in großer Breite erforschten und dokumentierten freiheitsfeindlichen, rechtsbrecherischen, inhumanen und kriminellen Züge und Maßnahmen des NS-Regimes.

Das gilt grundsätzlich auch für Ernst Nolte. Die Bewußtmachung des ja faktisch schon lange im Gange befindlichen Prozesses der Historisierung beziehungsweise das Plädoyer für mehr Historisierung der NS-Zeit zielt vielmehr ab auf eine sinnvolle Weiterführung, auf eine neue Stufe der „Verarbeitung“ der NS-Vergangenheit (in der Geschichtswissenschaft wie in der öffentlichen Diskussion) auf der Basis dieser fest etablierten Bewertung ihres Grundcharakters. Dieses Plädoyer geht davon aus, daß trotz der von Ihnen genannten kolossalen Verbreiterung der historischen Einzelforschung über die NS-Zeit deren Gesamtbild, wie es sich im öffentlichen Bewußtsein und auch in historiographischen Gesamtdarstellungen zeigt, gerade wegen der „pflichtgemäßen“ und vorrangigen Abhebung auf die weltanschaulich-politischen Grundzüge merkwürdig wesenlos geblieben ist, oft mehr Schwarz-Weiß-Konstrukt aus der Retrospektive als genetisch entfaltete multidimensionale Geschichte, bevölkert weniger mit plastischen, psychologisch stimmigen Figuren als mit Typen und Stereotypen aus dem politikwissenschaftlichen Begriffs-Vokabular, präsentiert mehr durch einen moralisch-didaktischen Kommentar als durch einen historischen Bericht, formuliert in mehr oder weniger pathetischen oder dozierenden Worten von Historikern, deren Verlegenheit der Geschichte des Nationalsozialismus gegenüber sich auch darin äußert, daß sie ihr das eigentliche Transportmittel geschichtlicher Darstellung, die erzählerische Sprache, vorenthalten. Entschlackung und Auflösung solcher Stereotypen, Verlegenheiten und Pauschalisierungen ist wesentlich gemeint mit Historisierung. Sie bedeutet keine Aufweichung der politisch-moralischen Beurteilung des Unrechtscharakters der NS-Herrschaft, wenn sie auch die Pluralität von solchen historischen Handlungslinien und historischen Subjekten, die sich nicht . alle dem politischen System und der Weltanschauung der NS unterordnen lassen, herausarbeiten muß. In diesem Sinne habe ich, und zwar konkret in einer eher beiläufigen Betrachtung über die Literatur in der NS-Zeit (1983), von der „endlich“ zu überwindenden falschen Vorstellung „jener übermächtigen negativen Zentralvorstellung des Nationalsozialismus“ auf allen Lebensgebieten der NS-Zeit gesprochen. Sie setzen dieses herausgegriffene Zitat leider in einen anderen Kontext und geben ihm dadurch eine irreführende Bedeutung.

Aber auch in der eben genannten Sache bestehen offensichtlich Auffassungsunterschiede zwischen uns. Sie schreiben in ihren „Überlegungen“: Weil der Nazismus in seinem Kern verbrecherisch gewesen sei, seien auch die nur wenig von ihm affizierten institutionellen und gesellschaftlichen Bereiche (Industrie, Bürokratie, Wehrmacht, Kirchen u. a.) primär unter dem Gesichtspunkt zu sehen, ob und wodurch sie der Erhaltung dieser Herrschaft gedient hätten: „sogar Nichtbeteiligung, Passivität als solche [seien] schon systemstabilisierend“ gewesen. Aus der Perspektive der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und speziell der jüdischen Erfahrungen mit der großen Zahl der „bystander“, die dem Regime bei seinen Verfolgungsmaßnahmen nicht in den Arm fielen, ist dieser Standpunkt gewiss verständlich. Absolut gesetzt, würde er aber wesentliche Zugänge der geschichtlichen Erkenntnis versperren und der historischen Gerechtigkeit kaum Genüge tun.