Von Rosemarie Noack

Wie ein Mahlstrom kreist der Pulk gläubiger Pilger um den Sockel des weißen Stupa von Swayambhunath. Das Tempo ihrer Schritte teilt die Dauer der frommen Umwanderung mit, die Stunde um Stunde währt und die sie nur gelegentlich unterbrechen, um sich betend auf den Boden niederzuwerfen. Erschöpfte, denen die Füße nicht mehr folgen wollen, verlassen den Zirkel gottgeweihter Andacht, in frischer Gangart fädeln sich Neuankömmmlinge in den rituellen Rundgang ein.

Männer und Frauen setzen Hunderte von Gebetsmühlen in Bewegung, und zum Klang des knarrenden Kreiseins murmeln sie hingebungsvoll das Gebet der Gebete, die allumfassende Glaubensformel des Buddhismus, in der sich die Weisheit der Welt offenbart: Om mani padme hum.

Hoch über den Köpfen der Gläubigen blicken Buddhas alles sehende Augen weit über das Tal von Kathmandu. Auch jetzt, da die Sonne sinkt und die Nacht naht, werden sie in alle Himmelsgegenden gerichtet sein und den Schlaf der Talbewohner bewachen wie seit undenklichen Zeiten.

Die Augen schauen von den vier Seiten eines vergoldeten Kubus, der, fest auf der schneehellen Halbkugel des Stupa ruhend, den Turmaufsatz mit dem himmelwärts strebenden Kopfjuwel trägt. Von der Spitze herabfallend, flattern in langen Reihen Gebetsfahnen um die goldschimmernde Tiara, bewegt von einer leichten Abendbrise, die aus den Bergen des Himalaya herüberweht.

Was wohl sollte diesem gesegneten Tal zustoßen, in dem die höchsten Heiligtümer des Buddhismus und Hinduismus ihre Heimat gefunden haben, in dem die Tempel nicht zu zählen sind und schon gar nicht die Götter, denen mehr Feste geweiht sind als das Jahr Tage hat?

Aber kann es den Göttern hier noch gefallen? Mag sein, daß sie sich zurückziehen aus der Stadt am heiligen Fluß Bagmati. Denn fremde Denkungsart macht sich breit, und atemloser Wandel regiert ihr angestammtes Terrain. Viel hat sich geändert, seitdem das hinduistische Königreich Nepal 1951 seine Grenzen geöffnet hat, um dem Rest der Welt Zutritt zu gewähren in eine der letzten mittelalterlichen Hochkulturen Asiens.