Bernhard Lassahn: „Das europäische Gefühl“

Dieses kleine Buch besichtigt Europa, aber nicht mit der kulturkritischen Generalstabskarte eines Hans Magnus Enzensberger, sondern es durchstreift den alten Kontinent auf musikalischen Seitenpfaden. In Bernhard Lassahns „heimlicher Hitparade“ (Affolderbach & Strohmann, Siegen 1987; 119 S., 18,– DM) wird mit listiger Naivität das Typische der jeweiligen Folklore als ihr eigenes Klischee gezeigt, so daß aus den satirischen Skizzen „typischer“ Musikstrukturen witzige Miniaturmodelle der verschiedenen Nationalcharaktere entstehen. Eine angefügte Diskographie nennt jene Musiker, deren Arbeit mit der Lassahns verwandt ist: Die Lieder, die jeder kennt, werden bewußt zitiert und ironisch gebrochen. Wir erkennen die Melodie, spitzen schon den Mund zum Mitpfeifen – und plötzlich ist da ein feiner Widerhaken, eine überraschende Wendung ins Unbekannte, die den Boden vertrauter Gemütlichkeit schwanken läßt. So klingt Lassahns Europa – „nach einer alten Sehnsucht, sobald ich die Autokarte auseinanderfalte. Und über all die Knicks auf der Karte hinweg hört man eine stille Symphonie. Doch. Trotz der Motorengeräusche“. Klaus Modick