Wie seinen Augapfel hütet Joachim Lemppenau, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Eisen- und Stahlindustrie, ein brisantes Papier: Es schlüsselt jene knapp 35 000 Arbeitsplätze, die in der Stahlindustrie bis Ende 1989 abgebaut werden sollen, nach Unternehmen auf. Die Zahlen, die auf Firmenmeldungen beruhen, habe nur der Verband, versichert Lemppenau, und keinem Mitgliedsunternehmen werde Auskunft darüber gegeben, was die Konkurrenz gemeldet habe.

Dabei sind die Zahlen eigentlich gar kein Geheimnis, denn die großen Stahlgesellschaften haben längst in der Öffentlichkeit kundgetan, wie sie ihren Personalbestand verringern wollen. Inzwischen ist allerdings fraglich, ob es bis Ende 1989 wirklich zu dem geplanten Abbau kommt. Denn die Geschäfte der Stahlunternehmen gehen derzeit glänzend: Wer Feinblech produziert, kann sich vor der Nachfrage alter und neuer Kunden kaum retten.

Das wirkt sich auch auf die Beschäftigung aus – es muß mehr gearbeitet werden. Und das ist für die Stahlarbeiter schon immer ein Zeichen dafür gewesen, daß sie am längeren Hebel sitzen. Deshalb werden es die Unternehmen schwer haben, den geplanten Arbeitsplatzabbau bei den Betriebsräten durchzusetzen. Hinzu kommen die Auswirkungen der Arbeitszeitverkürzung. In der Branche glaubt man daher, daß sich die Zahl der Arbeitsplätze bis Ende 1989 nicht um knapp 35 000, sondern allenfalls um 25 000 verringern wird. Weder in der einen noch in der anderen Zahl sind jene Mitarbeiter enthalten, die ihren Arbeitsplatz als Folge einer Stillegung der Krupp-Hütte in Rheinhausen verlieren würden.

Die Unternehmen werden für Sozialpläne wahrscheinlich weniger Geld ausgeben müssen, als sie nach Abschluß der sogenannten Frankfurter Vereinbarung mit der IG Metall angenommen hatten, gleichzeitig aber mehr Geld verdienen als erwartet. Für die IG Metall könnte das Anlaß sein, mit noch mehr Nachdruck Ersatzarbeitsplätze zu fordern. Denn immerhin heißt es in der Frankfurter Vereinbarung: „Für die im Rahmen der Strukturanpassung wegfallenden Arbeitsplätze in der Stahlindustrie ist es nach gemeinsamer Auffassung notwendig, primär Ersatzarbeitsplätze, insbesondere in den betroffenen Regionen, zu schaffen.“

Allerdings sind die Stahlunternehmen der Meinung, sie seien damit keine verbindliche Verpflichtung eingegangen. Heinz Kriwet, Chef von Thyssen-Stahl und Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, weist dabei vor allem darauf hin, wie schwer es ist, neue Arbeitsplätze zu schaffen: „Es ist verdammt schwer, im Hochlohnland Bundesrepublik neue Produkte zu finden.“ Vor einem Ausschuß des Düsseldorfer Landtags hatte er versichert, sein Telephon stehe Tag und Nacht für den bereit, der geeignete Ideen liefere.

Der IG Metall wirft Kriwet vor, sie mache „sich das ein bißchen leicht, wenn sie immer wieder die Verantwortung der Unternehmer für neue Arbeitsplätze beschwöre“. Der Gewerkschaftsvorsitzende Franz Steinkühler hat allerdings längst zugegeben, daß Ersatzarbeitsplätze in der gegenwärtigen Entlassungswelle zumindest nicht zeitgleich zu schaffen sind. Den im Augenblick möglichen Beitrag seines Unternehmens beschreibt Kriwet so: „Wir haben Investitionen von mehr als einer Milliarde Mark beschlossen, die zu 75 Prozent nach Nordrhein-Westfalen gehen, und wir geben an Grundstücken ab, was wir abgeben können.“

Aber zu neuen Arbeitsplätzen hat das bisher kaum geführt. Kriwet berichtet von etwa zwei Dutzend Stellen, die Thyssen selbst in Duisburg geschaffen hat, und von „einigen Hundert“ Arbeitsplätzen, die andere Unternehmen auf ehemaligen Thyssen-Grundstücken in Hattingen etabliert haben oder planen. Das Hattinger Ergebnis zeigt immerhin, daß es möglich ist, an alten Stahlstandorten neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn die Unternehmen das nicht glaubten, hätten sie das Papier wohl nicht unterschreiben dürfen. Das jedenfalls meint der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel mit seiner Bemerkung: „Das sind erwachsene Leute, die das unterschrieben haben, das kann doch nicht nur eine Schreibübung gewesen sein.“