Von Gunter Hofmann

Bonn, im April

Scheinwerfer an! Zehn fest installierte Deckenlampen strahlen auf ein betriebsames Durcheinander von fast zwanzig blau-, schwarz- und graugekleideten Herren (und zwei Damen), die sich freundlich begrüßen, als hätten sie sich lange vermißt. Plötzlich eilt der eindeutig größte von allen herein mit einem Troß hinter sich wie der Chefarzt, der die Pflichtvisite hinter sich bringen möchte. Er nimmt Platz mitten am ovalen Tisch, wartet einen Moment und greift dann zur Glocke. Scheinwerfer bitte aus!

Das Bonner Kabinett versammelt sich zur Arbeit. So vertraut ist dieses Bild, das abends über die Fernsehschirme flimmert, daß man es fast für einen alten Videoclip halten könnte.

Nicht recht zu erkennen sind darauf die gut dreißig Photographen, die Journalisten. Selten schwenkt die Kamera auf die Bundesflagge, die im vergangenen Herbst links an der Wand hinter Kohl fest montiert worden ist und schlaff neben August Mackes „Orientalischen Märchen“ herunterhängt. Und nur gelegentlich kann man einen Blick auf den langen Katzentisch vor dem Fenster erhaschen, an dem die Abteilungsleiter des Kanzleramts sitzen. Am Tisch des Protokollführers steht das einzige Telephon. Von hier aus kann man telephonieren, aber mit der Regierung kann nicht verbunden werden. Im Saal soll nur die Kanzlerglocke läuten.

Also: Licht aus! Die Kameraleute gehen.

Kanzler haben immer den Blick in ihr Kabinett gescheut, ob sie nun Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt oder Schmidt hießen. Bei Kohl ist das nicht anders. Zwar muß er demnächst den Verteidigungsminister austauschen, der zum Nato-Generalsekretär befördert wird. Manch einer hat über eine größere Kabinettsumbildung bei dieser Gelegenheit spekuliert. Aber Kohl möchte es bei diesem ganz kleinen Revirement belassen – und selbst das fällt ihm offenkundig schwer genug.