Von Michael Schmitz

Siebzehn Jahre hatten die Juden in der DDR keinen Rabbiner und so auch keinen Lehrer für den Glauben und das Leben. Endlich, vor einem halben Jahr, zog Isaac Neumann von Campaign im amerikanischen Bundesstaat Illinois nach Ost-Berlin. Im anderen Deutschland erwartet den Rabbi Missionsarbeit. „Die deutschen Juden sind zu verbittert“, erzählt er. Sie gingen zu oft auf die Friedhöfe, dächten zuviel an die Vergangenheit. Von Auschwitz kämen sie nicht los.

„Gottes Welt ist voller Schönheit“, sagt Rabbi Neumann: „Aber die Menschen halten sich die Hand vor die Augen.“

Wenn der Rabbiner vor der Ostberliner Gemeinde spricht, braucht er Platz. Der schmächtige Mann läuft auf und ab, mit ausladender Geste, die den Worten zusätzliche Bedeutung geben soll.

Die alten Zuhörer setzen pikierte Mienen auf, die zeigen sollen, für wie ungerecht sie seine Vorwürfe halten. Den Jüngeren gefällt Neumanns Weltsicht hingegen besser. Sie lächeln ihm zu, wenn er lehrt, wichtiger als alle Philosophie sei Lebensfreude: „Gott will nur das Herz.“

Nach Deutschland zu kommen, fiel Isaac Neumann schwer. Der 64jährige Amerikaner, geboren in Polen, hatte mit Glück Auschwitz überlebt; seine Familie wurde ermordet. „Die Nazis dürfen nicht den Endsieg erringen“, sagt er kühl. Deshalb zog er nach Ost-Berlin. Er will mithelfen, das jüdische Leben in der DDR zu retten.

Vor kurzem noch drohten die jüdischen Gemeinden auszusterben. Heute gibt es in der Republik acht Gemeinden mit kaum mehr als 360 Mitgliedern. 180 Gläubige sind es in Ost-Berlin; in Dresden und Leipzig zusammen nur halb soviele. In Erfurt ist es nicht besser. In Halle, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg und Schwerin leben insgesamt etwa vierzig Juden – und sie alle sind sehr alt.