Münster: „Tony Smith“

Die Einschätzung von Samuel Wagstaff trifft nach zwanzig Jahren immer noch zu: „Tony Smith ist einer der bekanntesten Unbekannten der amerikanischen Kunst“. Und allzu leicht rücken ihn jene, die ihn doch kennen, in das Umfeld der Minimal Art, an deren einflußreicher Ausstellung Primary Structures er 1966 als Mittfünfziger teilnahm, umgeben von Künstlern, die über zwanzig Jahre jünger waren als er. Seine Generation war die seiner Freunde Pollock, Rothko, oder Reinhardt; seine Vorbilder blieben Frank Lloyd Wright und Le Corbusier, dessen Modul-Idee er für seine Plastik adaptierte. Nun steht seine Skulptur „Die“ (1962) im Innenhof des Landesmuseums Münster wie ein erratischer Block. Zunächst denkt man an Serras fast gleichformatigen „Berlin Block für Charlie Chaplin“ (1977), aber Ausstellung und Katalog rücken die Bezüge zurecht: Smith ist eine ebenso singuläre Erscheinung wie Serra. Sieben weitere Skulpturen und dreißig Zeichnungen belegen dies in der Ausstellung. Im Katalog rekonstruieren zwei informative Essays das Umfeld von Tony Smith, der erst spät, als Vierzigjähriger, von der Architektur zur Skulptur überlief, dabei aber untypische Einstellungen mitbrachte. Wie ein Entwerfer setzte er Skulpturen aus vorgefertigten Modulen zusammen; wie ein Planer lieferte er nur lakonische Zeichnungen und fragile Pappmodelle, deren Umsetzung er Fachbetrieben überließ; wie ein guter Architekt hatte er ein Gespür für den Ort, der in die Planung eines Gebäudes einzubeziehen ist und war somit nicht zufällig auch Pionier einer noch rudimentären, ortsspezifischen Außenskulptur. (Westfälisches Landesmusuem bis zum 24. April; vom 8. Mai Museum Abteiberg Mönchengladbach; Katalog 18 Mark) Walter Grasskamp

Hamburg: „Franz Erhard Walter“

An die Wand sind mit gelbem Leinen bezogene Kästen montiert, größere und kleinere. Ihr Boden ist die Rückwand für eine Art von offenem Bord, auf dieser Rückwand sind glatte, wiederum gelbleinene Kleidungsstücke befestigt, irgend etwas zwischen Schürze, Kittel, Zwangsjacke. In einem anderen Raum sind rote Leinenkästen montiert, diesmal ohne Inhalt, in einem dritten Raum lehnen 40 mit grünem Leinen überzogene, winkelförmige Bretter an der Wand. Auch wer noch nie eine Arbeit von F.E. Walter gesehen hat oder nichts weiß von seinen früheren „Werksätzen“, bei denen Stoffbahnen als Handlungsinstrumente dienten für Interaktionen zwischen zwei oder mehreren Personen, der sieht und spürt sofort, daß er hier vor etwas steht, das irgendwie der Komplettierung bedarf. Irgendwie, aber wie? Soll er eine der Schürzen anziehen, die Bretter auslegen, aufbauen? Die Kunst von F.E. Walter, so schrieb Gottfried Boehm einmal, sei „völlig unrhetorisch und sa mitunter lapidar, streng und voraussetzungslos“. Und gerade das macht ihre Stärke aus in einer Zeit, wo andere Künstler gern den Bizeps vorzeigen oder sich verplaudern. Auch wenn die „Wandformationen“ keine direkte Aufforderung zum Mitmachen sind, und in ihrer ganzen, strengen Anmutung eher Distanz als Anbiederung provozieren, verwickeln sie den Betrachter doch in einen Dialog, machen aus ihm ein Gegenüber, das über den möglichen Umgang mit den Arbeiten nachzudenken beginnt. Rituale der Kostümierung, des Ein- und Auspackens, der Bewegung und des Verharrens werden vorstellbar und machen diese Objekte zu potentiellen Zauberkästen. Und sind doch auch beim Monolog sich selbst ästhetische Existenz genug. (Galerie Munro bis zum 27. Mai) Petra Kipphoff

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Joseph Beuys – Retrospektive“ (Gropius-Bau bis 1.5.; 2 Kataloge 40/45 DM)

Hamburg: „Holbein-Zeichnungen vom Hofe Heinrichs VIII.“ (Kunsthalle bis 29.5.; Kat. 25 DM)