Von Charlotte Kerner

Im Juli 1988 feiert Louise Brown ihren zehnten Geburtstag. Mit dem englischen Mädchen kam vor zehn Jahren auch ein neues Wort in die Welt: „Retortenbaby“. Zu Beginn machte es Schlagzeilen – heute steht es längst im Duden. Denn Louise Brown ist kein Einzelfall geblieben: Schätzungsweise 6000 „Retortenbabys“ sind heute am Leben. Doch so penetrant ein Begriff sich, ist er erst etabliert, auch halten mag: Die Bezeichnung Retortenbaby ist zwar griffig und spektakulär, aber falsch.

Nur ihre ersten drei Lebenstage lebte Louise Brown in einer Glasschale, also in vitro. In dieser „Retorte“ brachten die britischen Ärzte Patrick Steptoe und Robert Edwards lediglich die Eizelle und den Samen ihrer Eltern zusammen. Die Befruchtung in der Schale, die in-vitro-Fertilisation (IVF), gelang. Noch 48 Stunden lang schwamm Louise Brown in einer Nährlösung, schützte sie ein Wärmeschrank mit steuerbarer Gasatmosphäre und einer konstanten Temperatur Von 37 Grad in der Glasschale. Gerade vier Zellen waren zu sehen, als die Mediziner den Keimling durch einen dünnen Plastik-Katheter in die Gebärmutter von Mutter Brown spülten. Nach diesem Embryotransfer (ET) setzte sich Louise im Uterus fest und wuchs neun Monate lang heran, und zwar wie jedes andere Embryo nicht in vitro, sondern in vivo, wie im richtigen Leben, keineswegs in der Retorte.

Dennoch: Der Etikettenschwindel um Louise Brown hatte von Anfang an einen richtigen Kern. Durch ihre Geburt ist ein „echtes“ Retortenbaby in greifbare Nähe gerückt. Künstliche Menschen wie in Sagen und Zukunftsromanen – bald könnten sie nicht mehr nur erdacht, sondern auch tatsächlich hergestellt werden. Die Wirklichkeit ist dabei, die menschliche Phantasie zu überholen. Der Mensch nach Maß – ist er mehr als eine konkrete Zukunftsvision?

Die Methode der in-vitro-Fertilisation, gekoppelt mit dem Embryotransfer, ist ohne Zweifel der Zentralschlüssel für die Eingangstür in die „schöne neue Welt“. Schon weit offen steht die biologische Pforte, durch die die Genetiker das Ziel ihrer Forscherträume erreichen können: die menschliche Keimbahn.

Auf einem gläsernen Tablett servieren die neuen Reproduktionstechniker die männlichen und weiblichen Genome, wie es den Forschern gefällt. Ein in der Schale gezeugter Embryo soll augenblicklich maximal zwei- bis zweieinhalb Wochen in einer Nährlösung überleben können. Der letzte Schritt scheint nicht mehr weit: menschliches Leben ganz aus der Retorte – vom ersten Gen bis zum ersten Schrei maßgeschneidert und gesteuert, wobei wahlweise Leihmütter oder Muttermaschinen das Austragen übernehmen könnten, während der Klonbruder oder die Klonschwester für Notfälle auf Eis bereitliegen.

Die Erdenbürgerin Louise Brown ist noch kein „schöner neuer “ Mensch. Sie wurde nicht mit gentechnischen Mitteln zusammengebastelt und geformt; die Gentechnik spielte bei ihrer Entstehung keine Rolle. Sie ist allein das Produkt der modernen „Reproduktionsmedizin“.