Von Heinrich Bilstein

Ein feiner Unterschied: „Die sowjetischen Truppen ziehen ab und nicht weg.“ Nowostz-Mitarbeiter Dietrich Busch beharrt darauf. Der angekündigte Rückzug der Sowjets aus Afghanistan sei schließlich kein Umzug in eine andere Wohnung. Die Dachzeile muß also neu gesetzt werden. Eine Woche lang kämpft der Kölner Journalist um korrektes Deutsch. Die in Köln ansässige Moskauer Nachrichtenagentur Nowosti hat ihren deutschen Kollegen eigens abkommandiert, damit dieser den Redakteur der sowjetischen Wochenzeitung Moscow News beim Produzieren der ersten deutschen Ausgabe des Blattes „mit sprachlichem und politischem Feingefühl für die bundesdeutschen Verhältnisse“ unterstützt.

Die Arbeit ist kompliziert und umständlich. Alle Artikel sind im Original in Russisch geschrieben. Sie müssen erst übersetzt werden. Das geschieht in Moskau. Und Moskau ist weit weg. Mit vorsichtigem Redigieren versuchen Busch und sein sowjetischer Kollege Andrej Gurkow dem Empfinden deutscher Leser so nah wie möglich zu kommen. „Die Russen lesen halt für ihr Leben gern lange Artikel und lange Sätze und lieben eine blumige Sprache“, erklärt Dietrich Busch.

Und da ist auch noch der Chefredakteur aus Moskau, der in der Schlußphase anreist und mitmischt. Jegor Jakowlew stoppt ein Bild auf der ersten Seite, das einen Mann vor den Gräbern seiner fünf bei den Unruhen in Aserbaidschan getöteten Angehörigen zeigt. Die Aufnahme wecke bei Armeniern nur unnötige Emotionen, meint er. Nowosti-Mitarbeiter Busch ist für das Photo. Sein russischer Kollege gibt sich unentschieden. Letztendlich entscheidet sich der Chef für ein anderes Bild des trauernden Mannes. Die Tragödie seiner Familie soll der Bildtext erläutern. Deutsche Zeitungen hätten das Bild ohne Bedenken gebracht. Aber soweit sind die Sowjets noch nicht. Und für Grundsatzdiskussionen bleibt in dem engen provisorischen Redaktionraum im Verlagshaus der Kölnischen Rundschau nicht viel Zeit.

Obwohl deutsche Verlage helfen, ist die Produktion ein schwieriges Unternehmen. Die Sowjets sind nur Gäste. Alle Arbeiten der Moskauer Blattmacher müssen nebenher in den laufenden Arbeitsprozeß eingefügt werden. Was andere Redaktionen per Anweisung durchsetzen, darum müssen die Moskau News-Leute bitten.

Die beiden Russen sind freundliche und geduldige Menschen. Das Produktions-Chaos nehmen sie allein auf ihre Kappe. Ungehalten über die schleppende Unterstützung der Technik wird allenfalls der deutsche Layouter, den die Sowjets für ihr Blatt engagiert haben. Und dennoch: „Für sowjetische Verhältnisse“, sagt Nowosti-Mitarbeiter Busch, ist das, was wir hier machen, einfach sensationell.“

Ungewöhnlich ist das Projekt in jedem Fall, und das nicht nur, weil die Sowjets ausgerechnet im Haus der konservativen Kölnischen Rundschau ihr Quartier aufgeschlagen haben. Zum erstenmal haben sich vier bundesdeutsche Verlage zusammengetan, um eine sowjetische Zeitung zu finanzieren. Sechs deutsche Ausgaben wollen Gruner + Jahr, die Kölner Verlage M. DuMont Schauberg und Heinen-Verlag sowie die Bonner Zeitungsdruckerei und Verlagsanstalt auf diese Weise erstellen und vertreiben. Die 60 000 Exemplare der ersten Nummer werden seit Montag an den Kiosken verkauft.