Carlo De Benedetti könnte bald auch Italiens größter Verlagsherr sein

Das Interview erschien bei der Konkurrenz. Leonardo Mondadori, Teilhaber des größten italienischen Verlagshauses Arnoldo Mondadori in Mailand und damit auch Mitbesitzer der größten italienischen Tageszeitung La Repubblica (900 000 Auflage), beschwerte sich im Konkurrenzblatt Corriere della Sera (700 000 Auflage) über seine Verwandten und Partner. Sie hätten sozusagen einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, nämlich mit Carlo De Benedetti. „Ich werde sogar das Familiensilber verkaufen, um die traditionelle Unabhängigkeit des Verlages zu wahren – und ich gehe, wenn der Ingegnere Präsident wird“, wetterte Leonardo.

Am 10. Mai wird die Entscheidung fallen. Dann muß der „Ingegnere“, Carlo De Benedetti nämlich, in der Hauptversammlung des Mailänder Verlagshauses Mondadori beweisen, daß er mehr Stimmen aufbringen kann als Titelverteidiger Leonardo Mondadori. Ebenso wie beim Abstimmungskampf der Société Generale de Belgique kann der Turiner Konzernherr De Benedetti nicht mit Sicherheit auf eine klare Mehrheit für sich und seine Verbündeten zählen. Zwar hat er in der Finanzholding, die Mondadori zu 51 Prozent kontrolliert, durch einen Pakt die Mehrheit der Familie auf seine Seite gebracht. Er kommt jedoch nicht auf sechzig Prozent, die nach der Satzung der Finanzholding nötig sind, um wichtige Beschlüsse durchsetzen zu können.

„Ich bin jetzt auch bereit, die Präsidentschaft anzunehmen, wenn sie mir angeboten wird“, erklärte De Benedetti vor wenigen Wochen in einem Interview. Für dieses Angebot kann er selbst sorgen – dank seiner Freundschaft zu einigen Familienangehörigen in der Leitung der Gruppe.

Stimmt allerdings Leonardo Mondadori in der Finanzholding gegen ihn, dann blieben dem Herausforderer zwei Wege. Entweder werden die Stimmen der Finanzholding in der Hauptversammlung neutralisiert und es entscheidet die Mehrheit der Minderheit – die wiederum De Benedetti gehört –, oder aber der schlaue Finanzstratege zahlt vor der Hauptversammlung eine gehörige Summe an Leonardo Mondadori. Damit könnte er mehr als sechzig Prozent der Stimmen in der Finanzholding gewinnen, denn sein Gegner Leonardo hatte sich vor allem beschwert, daß ihm De Benedetti nicht die gleichen günstigen Bedingungen einräumt wie seinen Verwandten. Somit liegt der Schluß nahe, daß die Herrschaft der Turiner über Mondadori jetzt nur noch eine Frage des Preises ist, den Leonardo fordert.

Die Unabhängigkeit des Verlages steht danach kaum noch zur Debatte. Auch wenn Leonardos Argument richtig ist, daß mit dem Übergang der Mondadoris auf den Konzern De Benedetti alle großen italienischen Tageszeitungen entweder einer Industriegruppe oder einer Partei gehören werden.

Nach dem Verkauf seines Lebensmittelkonzerns Buitoni an Nestlé hat De Benedetti genügend Geld zu neuen Aufkäufen, auch wenn der Clinch mit Suez bei der Société Generale in Brüssel noch längere Zeit andauern und Kapital binden wird. Als erstes konsolidierte De Benedetti seine Stellung bei Olivetti. Er handelte mit dem Partner American Telephone & Telegraph (AT&T) eine Abwandlung des Vertrages aus, nach dem AT & T seine Beteiligung am größten europäischen Konzern für Büroinformatik, Olivetti, von 22 auf 40 Prozent erhöhen könnte. „Olivetti bleibt italienisch, und AT&T wird auch in Zukunft bei nur 22 Prozent bleiben.“ Das war der erste Satz, den Carlo De Benedetti nach Abschluß der Verhandlungen in den USA vor dem heimischen Management aussprach. Daraufhin hätten einige Freudentränen geglänzt, meldet die, national gesonnene Sensationspresse.