Von Christoph Bertram

Der Reigen der Ehrungen will nicht abbrechen: Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Bonn, der Club der westdeutschen Außenpolitiker, veranstaltete ein Symposium; die Friedrich-Ebert-Stiftung lud zu einem Empfang, auf dem die Spitzen der SPD den oft unbequemen Genossen beglückwünschten; der Regierende Bürgermeister von Berlin und Frau Diepgen geben ein Mittagessen im Charlottenburger Schloß. Peter Glotz, der Parteifreund und Disputationsgegner, ehrt ihn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; Heiner Geißler, der Christdemokrat, würdigt ihn in der Welt.

Richard Löwenthal ist achtzig geworden, und das ist wahrlich Grund genug zum Feiern. Gewiß behagt es ihm, daß sich auch die große Politik zur Gratulationscour einfindet. Löwenthal hat die Nähe der Mächtigen nie gescheut, oft gesucht und meist genossen. Aber anders als mancher jüngere Politikprofessor hat er nie mit seinem Zugang zu den Spitzenpolitikern Eigenwerbung betrieben; da gab es nie ein wichtigtuerisches „Ich habe gerade erst mit dem Kanzler darüber gesprochen“. Wenn Löwenthal das Ohr der Politiker suchte, dann weil er überzeugt war, er habe ihnen etwas zu sagen – aus eigenem Recht. Und so nimmt er die Ehrungen, die ihm in diesen Tagen zuteil werden, mit gesundem Selbstbewußtsein entgegen.

Richard Löwenthal hat sie verdient. Seit vierzig Jahren hat er – stets artikuliert, engagiert, kämpferisch – die Deutschen zum Nachdenken angestoßen: über die internationalen Gegebenheiten der Nachkriegszeit, über Natur und Bedingungen der Ost-West-Rivalität, und immer wieder über Anspruch und Verpflichtung des demokratischen Sozialismus. Das hängt für Richard Löwenthal durchaus zusammen. Sein wichtigstes Buch, Jenseits des Kapitalismus – ein Beitrag zur sozialistischen Neuorientierung“, schrieb er 1946 noch in England unter dem nom de guerre Paul Spring. Ihn beschäftigte darin, was in den fünfziger und sechziger Jahren zu seinem wissenschaftlichen Hauptgebiet wurde: die Mutationen im kommunistischen Reich. Daß das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis zu Beginn der sechziger Jahre eine entscheidende weltpolitische Veränderung brachte, hat Löwenthal als einer der ersten erkannt. Die Rivalität zwischen Ost und West hält er für unabänderlich, „solange die Sowjetunion von einer ideologischen Partei regiert wird, die ihr Herrschaftsmonopol und die Unterdrückung der Freiheit im eigenen Lande durch eine Doktrin des unüberbrückbaren Gegensatzes der Systeme rechtfertigt“.

Außenpolitik ist so für ihn nie ein abgeschottetes Areal gewesen, sondern immer Teilbereich der Auseinandersetzung zwischen der Demokratie und ihren Verächtern. Gekämpft hat er mit der Leidenschaft des Aufklärers gegen kommunistische Fellow-Travellers wie gegen rechte Weltverbesserer, gegen die Auswüchse der Studentenrevolte vor zwanzig Jahren wie gegen sowjetischen Expansionismus, wie er ihn, zumindest vor Gorbatschow, am Werke sah. Die dumpfen Debatten um die deutsche Identität hat er stets gegeißelt. Hitlers Krieg und Deutschlands Zusammenbruch sind für ihn Schlußpunkt einer Fehlentwicklung, nämlich der Vorstellung einer deutschen Sondermission. „Deutsche Identität kann niemals ein Gegensatz zur Westbindung Deutschlands sein“, schrieb er 1984.

Die achtzig Jahre durchmessen deshalb ein Leben, das trotz aller oberflächlichen Brüche eine ungewöhnliche Gradlinigkeit aufweist. 1908 wurde Löwenthal in Berlin geboren; wie er einmal über Karl Marx schrieb, „von Abkunft Jude, Deutscher nicht nur durch den Zufall der Staatsbürgerschaft, sondern durch die Formung seines Geistes“. Der Vater war Kaufmann, die Mutter Schauspielerin, die ihn – wie er, der begabte Redner, gelegentlich eingesteht – die Kunst des Soloauftritts lehrte. Der Student der Volkswirtschaft und Soziologie stößt Mitte der zwanziger Jahre zur kommunistischen Studentenbewegung, wird aber kurz darauf wieder ausgeschlossen, weil er nicht einsehen will, warum die Kommunisten die Sozialdemokraten bekämpfen und die Nazis schonen. Nach der Machtergreifung Hitlers wird Löwenthal Mitglied der linken Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“, der auch Fritz Erler angehört. Er flieht über Prag und Paris nach England und erlebt dort zum erstenmal eine funktionierende Demokratie. Die Erfahrung hat ihn fürs Leben geprägt.

In London schlägt Löwenthal sich als Journalist durch. Für die Nachrichtenagentur Reuters geht er 1948 in die Bundesrepublik, Mitte der fünfziger Jahre wird er dann, neben Sebastian Haffner, Leitartikler der liberalen Londoner Sonntagszeitung Observer. Mancher Kollege stöhnte noch viele Jahre später in Erinnerung an die Redaktionskonferenzen, als die beiden „Deutschen“ (Löwenthal wurde und blieb britischer Staatsangehöriger) belehrend und mit sichtlicher Ungeduld gegenüber weniger erleuchteten Geistern die Weltereignisse unter ihrem intellektuellen Mikroskop analysierten.