Hanau

In welchem Fachgebiet er Professor sei? "In einem ganz neuen", entgegnet der Angeklagte, "Zukunftsforschung." Die Zuschauer lachen. Sie dürfen sogar gelegentlich Beifall klatschen. Es ist ein heiterer Landfriedensbruchs-Prozeß. "Wir machen das ja auch nicht mit Begeisterung", sagt Amtsrichter Buschbek. Aber viele hätten damals an Robert Jungk gezweifelt. "Damit haben sie uns allein gelassen", hätten die Leute gesagt. Richter Buschbek klingt, als spreche er auch für sich. Außerdem seien vier Anzeigen gekommen. Zwei von Polizeibeamten, eine von der Firma Condux, der die "Autonomen" die Scheiben eingeschmissen hatten, und eine vom CDU-Kreisverband, der die Sachbeschädigung an seinem Büro auf die "aufhetzerische Rede" des Angeklagten zurückführt.

Viel ist geschehen seit dem 8. November 1986. "Ihre heimische Industrie soll kaputtgemacht werden ... Wehren auch Sie sich dagegen!" hatten die Nuklearbetriebe damals auf Handzetteln empfohlen. Inzwischen ist die rotgrüne Koalition kaputtgegangen über Alkem, und die Geschäftsführungen sind ausgetauscht, gab es den Bestechungsskandal und die Plutonium-Fässer. Am 8. November 1986 war die Stimmung in Hanau gedämpft: nach Tschernobyl, nach dem Basler Chemieunfall und Innenminister Zimmermanns Ankündigung, er wolle eine Verschärfung des Demonstrationsrechts. Robert Jungk sollte zunächst gar nicht reden. Die Vertreter der sogenannten "Autonomen" hatten ihn nicht akzeptiert. Er war ihnen zu prinzipiell gewaltfrei. Die Veranstalter wiederum wollten sich nicht von den Autonomen distanzieren. "Uns verbindet miteinander allemal mehr als mit der Polizei", sagten sie.

Als Robert Jungk zu reden begann, wurde er vom Schwarzen Block ausgebuht. "Gewaltlos oder militant, Hauptsache Widerstand", rief er ins Mikrophon, als er wieder zu Wort kam. Und dann zitierte er den verstorbenen Generalstaatsanwalt Bauer: Der Widerstand wachse mit der Stärke der Unterdrückung. Und er werde wachsen, wenn Gesetze die Demonstrationsfreiheit untergrüben. Er sprach von Tschernobyl und von Plutonium; und davon, daß man die Menschen aus den Hanauer Fabriken nach Hause schicken und eine nützliche Arbeit für sie finden müsse. "Dies sind keine Arbeitsplätze, sondern Todesplätze, so wie die in der Rüstungsindustrie." Und dann beendete er seine Rede mit dem alten Spruch von ’68: "Macht kaputt, was euch kaputtmacht."

Nach der Rede Jungks seien, sagt ein Zeuge, "auffallend mehr" Steine und Farbbeutel auf die Fabrik geflogen. Aber erst später, so erzählt es der Einsatzleiter dem Gericht, sei es zu ganz schnellen, unmotivierten Zerstörungen durch die "Problemgruppe" gekommen, an einer Tankstelle, bei Toyota, bei Kentucky Fried Chicken, von Leuten, die ohnehin zur Gewalt entschlossen gewesen waren. "Das hat also gar nicht auf mich gewartet?" fragt Robert Jungk, und er setzt hinzu, daß er die Anklage nicht verstehe und sich wie in einem absurden Theater vorkomme. "Der Richter und der Staatsanwalt sind mir sympathisch. Da laufen doch in Hanau ganz andere Übeltäter herum. Wachen wir auf! Wenden wir uns doch gegen die Zerstörer!" Applaus. Inzwischen ist auch Jutta Ditfurth gekommen, einen Riesenstrauß weißer Rosen im Arm und eine rote in der Mitte.

Einen "Verzweiflungsschrei" habe er ausstoßen wollen, weil die "Entwicklung immer schneller dem Untergang entgegenstürzt", und mit seinen Sprüchen habe er die "Autonomen" einbinden wollen. Aber dann müsse er doch auch von denen verstanden werden. "Am Schreibtisch hätte ich das nicht so schlagwortartig gesagt", aber eine Massenversammlung sei nun einmal kein Schreibtisch; da habe man es unmittelbar mit der Realität zu tun. Hier im Saal auch, widerspricht da der Staatsanwalt, und etwas müde setzt er hinzu: Die wirklich Gewandten kriege man ja eh nicht.

Der Richter bestätigt dem Angeklagten prinzipielle Gewaltlosigkeit, redet von den vielen Jungk-Büchern, die er sich von Freunden geliehen habe, bemüht die ecclesia militans, um das Wort "militant" aufzuklären. Man habe ihn wohl mißverstanden, sagt Robert Jungk, aber das Risiko laufe jeder, der aufkläre. "Manchmal gelingt es, manchmal nicht. In diesem Falle nicht", aber er sei nun einmal "kein Lauer und kein Flauer". Da nickt der Richter und strahlt. Die Sympathie ist allgemein, Die Sonne scheint in den Saal. Inzwischen hat ein Justizbeamter einen Plastikeimer für die vielen Blumen geholt. Der Staatsanwalt geht bis kurz vor die Grenze des Möglichen und bietet eine Einstellung nach Paragraph 153 der Strafprozeßordnung an. Da geht es um Bagatellsachen und geringe Schuld: "Sie haben ja selbst gesagt, es könne zu Mißverständnissen Anlaß gegeben haben."