Noch stärker und heftiger als die Bundesrepublik denkt Österreich über seine nationalsozialistische Vergangenheit nach. Der Fall Kurt Waldheim und das 50-Jahre-Datum 1938 bewirken, daß Altes aufbricht, Verborgenes hervorkommt, „Faulblasen platzen“ – „Ein Demokratie-Training“, schreibt ein Korrespondent aus Wien. In diese Gärung und Besinnung paßt haarscharf ein Interview-Buch:

Elfriede Schmidt (Hrsg.): 1938... und was dann?; Österreichischer Kulturverlag, Thaur (Tirol) 1988; 308 S., 29,50 DM.

Der Band dokumentiert 43 Gespräche, Interviews und Briefwechsel, welche die Grazer Publizistin Elfriede Schmidt mit Opfern, Betroffenen, Juden, Österreichern, Prominenten und einfachen Menschen geführt hat.

Es sind bewegende, bedrückende, bittere Dokumente darunter: Der Leser ist sofort mitten in dieser entsetzlichen Zeit. Die Form des Interviews, an sich etwas umständlich, bietet hier eindringliches Rohmaterial vom Steinbruch der Geschichte, authentische Aussagen und Erinnerungen, deren historische Präsenz eine Bearbeitung nicht vertragen hätte. Dabei fesseln die aufschlußreichen Prominenten-Interviews mit Rudolf Kirchschläger, Franz König und Bruno Kreisky nicht einmal so wie die Erinnerungen jener österreichischen Juden, die Terror, Deportation, Mord und Flucht, manchmal die Wiederkehr als Soldaten der Siegermächte schildern. Dachau, Theresienstadt, Auschwitz, das sind in diesem Buch persönliche Adressen jener trauernden Opfer, die überlebt haben. Geradezu unheimlich dicht wird die Atmosphäre im Wien des Jahres 1938 vermittelt. Elfriede Schmidts Buch wird die Gärung in Österreich beschleunigen.

Hanno Kühnert