Die neue Regierung verzichtet auf Atomstrom

Von Friedhelm Gröteke

Noch bevor Roms neue Regierungsmannschaft in der vergangenen Woche ihre Staatssekretäre auswählte, ordnete sie Arbeitsruhe am Bau des einzigen großen italienischen Atomkraftwerkes Montalto di Castro an. Das war die erste Amtshandlung des christdemokratischen Ministerpräsidenten Ciriaco De Mita. Die 4000 Bauarbeiter werden bis auf weiteres vom Staat bezahlt.

Große Freude hatten die Römer an dieser einhundert Kilometer nördlich ihrer Hauptstadt am Tyrrhenischen Meer gelegenen Baustelle bisher nicht. Schon als vor neun Jahren die Bagger anrückten, stellten sich Naturfreunde wegen eines nahegelegenen Vogelschutzgebietes in den Weg. Ebenso wie viele italienische Kohle- und Ölkraftwerke in den schönsten Erholungslandschaften am Mittelmeer entstanden sind, liegt auch Montalto di Castro in einer einsamen, paradiesischen Küstenzone der Maremma. Die wäre für eine behutsame touristische Entwicklung besonders geeignet gewesen.

Nachdem Umweltschützer und Polizei sich oft genug geknüppelt hatten, fand auch die lokale Bevölkerung keinen Gefallen mehr an dem Superding, von dem sie sich zunächst Arbeit und Aufschwung erhoffte. Immer wieder sorgte der Bürgermeister von Montalto dafür, daß die Arbeit eingestellt werden mußte. Erst Mittwoch vergangener Woche, einen Tag bevor der Chef der neuen Fünferkoalition endgültig befahl, den Bau des Kraftwerks zu stoppen, hatte das Oberste Verwaltungsgericht der Region eine vorläufige Verfügung zur Einstellung der Bauarbeiten wieder aufgehoben.

Trotz der vielen Arbeitsunterbrechungen sind allerdings in Montalto schon mehr als sieben Milliarden Mark verbaut worden. "Vom Gesamtprojekt sind 72 Prozent fertiggestellt", sagen die Techniker des staatlichen Elektrizitätsmonpols ENEL.

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