Der Herr Pfarrer liest Tito. 43 und 44, welche lehren, mit man mit erfrornen teuren umgeben soll

Hilf deinem Nächsten in der Noth! Was du ihm thust, vergilt dir Gott!

Erfrorne Leute sind oftmahls, wenn sie nicht gar zu lange in der Kälte gelegen haben, nicht wirklich todt, sondern nur erstarrt, und man kann sie wieder aufthauen, wie einen gefrorenen Apfel; wenn man vorsichtig mit ihnen umgeht. So begab sichs, daß der Schinder zu Kalbsdorf seine beyden Söhne über Land schickte am 26sten December, da eben ein ziemlicher Schnee lag, der vor Kälte unter den Füßen knisterte. „Kinder, sagte er, geht frisch darauf los, und sauft mir keinen Branntwein unterweges! Dieser macht müde und dämisch in der Kälte, und wenn sich da einer einmahl niedersetzt und ausruhen will: so muß er erfrieren, da ist keine Rettung! Trinkt lieber ein Maaß Bier: kalt Bier wärmt, wenn man darauf marschiert“.

Michel, der älteste Sohn des Schinders, gehorchte seinem Vater und da sie eine Strecke zusammen giengen, so enthielt sich auch Christoph, der jüngste, des Schnapsens, bis sie voneinander schieden. Nun kehrte Christoph im nächsten Wirthshause ein und nahm einen Schnaps; im zweyten wieder einen, und da er in die Stadt kam, wo er Häute verhandeln sollte, setzten ihn die Kaufleute auch ein Gläschen vor. Er that Bescheid, schloß den Handel und gieng wieder nach seiner Heimath zu. Der Weite nach hätte er diese auch bey guter Zeit erreichen können: aber es wurde Nacht, und er kam nicht.

Da thaten seine Leute fast kein Auge zu vor Angst, und mit Tages Anbruch machten sich sein Vater und Bruder mit dem Pferde auf den Weg, um zu sehen, wo er geblieben sey? Und siehe da! ganz nahe hinter dem zweyten Dorfe fanden sie ihn ganz hart gefroren am Wege liegen. Sie banden ihn aufs Pferd und brachten ihn ins Dorf: weil er vielleicht noch nicht todt wäre. Weil aber die Bauern sahen, daß es der Schinder war: so schmissen sie ihre Fenster geschwind zu und guckten durch die Löcher, um zu sehen wie das Ding ablaufen würde. Endlich kamen sie an die Thür eines verständigen und frommen Mannes, der dachte an die Geschichte des barmherzigen Samariters im Evangelium. Und der that ihnen die Thür auf, ließ den erstarrten Burschen ins Haus und rief seinen Nachbar, den Schulmeister Grüzmüller, welcher in solchen Sachen gut Bescheid wußte. Dieser kam, als man eben den erstarrten Leichnam in die warme Stube tragen wollte.

Halt! schrie er, um Gottes willen nicht! Ihr ermordet den Menschen, wenn er noch lebt! Und so stieß er die Leute zurück, und machte in aller Eile auf dem Hausflur ein Lager von Schnee, etwa zwey Hände hoch. Zugleich ließ er den Erfrorenen nackend ausziehen und die Kleidungsstücke, welche nicht losgiengen, herunterschneiden. Darauf legte er ihn auf den Schneehaufen und ließ mehr Schnee bringen, und bedeckte damit den ganzen nackenden Menschen über und über eine halbe Elle hoch, daß weiter nichts frey blieb, als der Mund und die Nasenlöcher.

Hernach ließ der Schulmeister einen Blasebalg bringen, dessen Spitze mit einem nassen Lappen umwickeln, und so in den Mund des Erfrornen halten, daß die Oeffnung geschlossen war, und die Luft in die Lunge geblasen werden konnte. Einer mußte damit ganz langsam einblasen, während er denn sogenannten Adamsapfel gelinde nach dem Schlunde zu drückte. Mit diesem Einblasen wurde abwechselnd inne gehalten und die Herzgrube mit Schnee gerieben. Aber weils ruchbar wurde im Dorfe, was für ein Unglück geschehen sey: so kam der Herr Pfarrer auch dazu, und trat auf die Seite des Schulmeisters und lobte ihn, daß ers recht gemacht hätte.