Von Ute Scheub

Die russische Sprache hört sich an, als sei sie in einem rhythmisch schaukelnden Waggon der Transsibirischen Eisenbahn entstanden. Patom mui jedjim tschut tschut, dann fahren wir ein bißchen und noch ein bißchen, patom, patom, patom. Aber das fällt nur Touristen auf, die sich auf Geheiß ihres Russischlehrers in den Abteilen zusammendrängen und ihre deutsche Zunge an der ungewohnt zischenden, rollenden, weichtönenden Sprache verbiegen. „Spaßiba, paschalßta, spaßiba, paschalßta“, der 35jährige Lehrer Hans Engberding gibt den Takt an, und seine Schüler sprechen ihre ersten russischen Worte brav im Chor: „Danke, bitte, danke.“

Mit der Fahrt auf der „Transsib“, der legendenumwitterten und längsten Eisenbahnstrecke der Welt, haben sie sich den Traum vieler Globetrotter erfüllt: Nirgendwo sonst entfaltet die unendliche Weite dieses Weltreichs mehr Faszination als hier. Die gebuchte Strecke von Moskau bis nach Chabarowsk am sowjetisch-chinesischen Grenzfluß Amur beträgt mehr als ein Fünftel des Erdumfangs, 8530 Kilometer; in fünf Reisetagen und -nächten passiert der Zug in ewig gleicher Schunkelbewegung rund 800 Bahnstationen und über 200 000 Strommasten, patom, patom, patom.

Organisierte Gruppenreisen auf der Transsib bietet die staatliche sowjetische Reiseagentur Intourist schon länger an, doch unter ihren bundesdeutschen Geschäftspartnern ist der Westberliner Hans Engberding mit seinem kleinen Büro „Lernidee-Reisen“ der einzige, der Kurse in Russisch und Landeskunde auf rollenden Rädern abhält. Nach einem guten Dutzend Stunden verstehen seine Schüler jedenfalls mehr als nitschewo – nichts – von Land und Leuten und können sich auf Russisch radebrechend verständigen.

Engberdings Erfolgsrezept, das strenge Slawisten allerdings auf die sibirische Birke treiben dürfte: Unter konsequenter Ignoranz der komplizierten russischen Grammatik bringt er seiner Schar schlichte Sätze der Umgangssprache bei. Auch das Lesen der kyrillischen Buchstaben macht er ihnen einfach, indem er es an Wörtern probieren läßt, die den Wortschatz der entzückten Deutschen in ungeahnte Breiten ausdehnen: „Schlagbaum, Schtrejkbrecher, Riesenschnauzer.“

Währenddessen tuckelt der Zug, den sie im Moskauer Jaroslaw-Bahnhof bestiegen haben, mit 60 bis 80 Stundenkilometern durch die schneebedeckte Landschaft, sich in seinen metallenen Hüften wiegend wie eine gemütliche Tante. Selbst im Ural-Gebirge, Scheide zwischen Europa und Asien, wird er kaum temperamentvoller, denn die Strecke verläuft dort, wo die Berge am niedrigsten sind.

Legere Gemütlichkeit breitet sich auch hinter den weißen Gardinchen der Abteile aus. Als sei die Bahn ein olympisches Dorf, spazieren die Russen allesamt in Trainingsanzügen und Jogginghosen durch die Gänge. Die einen hängen plaudernd vor den Fenstern, die anderen kloppen Karten, die dritten dezimieren systematisch ihre gewaltigen Eßvorräte oder schlürfen die Suppe, die das Zugpersonal in kleinen klappernden Töpfen vorbeibringt. Denn im Winter hat die Transsib nur einen einzigen Speisewagen, der in übertriebener Ausländerfreundlichkeit den nichtsowjetischen Touristen reserviert bleibt.