Von Helga Hirsch

Warschau feierte den 45. Gedenktag des Getto-Aufstands von 1943 auf zweierlei Weise: Am 18. April enthüllte das offizielle Organisationskomitee einen Marmorblock am ehemaligen Umschlagplatz, von wo 300 000 Juden in das Vernichtungslager Treblinka abtransportiert wurden. Tags zuvor hatte ein Bürgerkomitee eine Gedenkversammlung am Getto-Denkmal abgehalten und auf dem jüdischen Friedhof zwei Führer des sozialistischen "Bundes" geehrt, die 1941 von den Sowjets hingerichtet worden waren.

Die Mitglieder des Bürgerkomitees, zu denen der Regisseur Andrzej Wajda, der Historiker Jerzy Hölzer, Solidarnosc-Führer wie Jacek Kuroń und Zbigniew Bujak und andere Oppositionelle zählten, fühlten sich durch das offizielle Festkomitee nicht repräsentiert. Dort gaben die Politiker Henryk Jablonski und Kazimierz Kakol den Ton an – der eine hatte als Hochschulminister unliebsame Professoren entlassen, der andere 1968 zu den Wortführern der antisemitischen Hetze gezählt, die über 13 000 polnische Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem Land trieb.

Doch was in pluralistischen Gesellschaften selbstverständlich ist, kann in Polen nur gegen Widerstände durchgesetzt werden: Jerzy Urban, Pressesprecher der Regierung, verurteilte die Aktivitäten des Bürgerkomitees als Konkurrenzveranstaltungen; die Staatsanwaltschaft hatte sie darüber hinaus untersagt. Wenn die Miliz das Verbot nicht gewaltsam durchsetzte, lag das nur an den außergewöhnlichen Umständen: Über viertausend Juden waren aus der ganzen Welt zu den Feierlichkeiten angereist, und vor hochrangigen Politikern wie dem stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Navon und dem Justizminister Scharir hielt die polnische Regierung Gewaltanwendung gegenüber Menschen, die der gemeinsamen tragischen Vergangenheit gedachten, offensichtlich für unangebracht.

Der Aufstand im Warschauer Getto 1943 war der einzige zu jener Zeit in einer Stadt im besetzten Europa. Vielen dient er als Beweis dafür, daß die Juden den Prozeß ihrer Isolation, Deportation und Vernichtung nicht widerstandslos hinzunehmen bereit waren. Sie wehrten sich mit Handgranaten, Zündflaschen und Pistolen, als am Morgen des 19. April knapp tausend SS-Männer unter dem Brigadeführer Jürgen Stroop ins Getto einrückten. Die jüdische Kampforganisation ZOB, unter ihrem Kommandeur Mordechai Anielewicz, hielt der Liquidierungsaktion mehrere Wochen stand. Erst am 16. Mai konnte Stroop melden: "Großaktion um 20.15 beendet mit der Sprengung der Synagoge. Gesamtzahl der erfaßten und nachweislich vernichteten Juden beträgt 56 065."

Die Mitglieder der jüdischen Kampforganisation wußten, daß ihr Kampf aussichtslos, ihre Niederlage unabwendbar war. Dennoch hielten sie den Aufstand nicht für sinnlos. "Der Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen", schrieb Anielewicz Ende April an einen Freund. "Ich erlebte die Selbstverteidigung des Warschauer Ghettos in ihrer ganzen Pracht und Größe."

Lange Zeit war der jüdische Anteil aus der polnischen Nationalgeschichte verdrängt worden. Erst in den letzten Jahren wurde durch erneute Aneignung der gemeinsamen Geschichte der Weg für die Aussöhnung geebnet.