Bet ha-chajim heißt "Haus des Lebens", es ist ein hebräisches Wort für Friedhof. Friedhöfe gehören in Deutschland zu den wenigen Orten, die an jüdisches Leben erinnern. Nirgends geschieht dies eindringlicher als in Berlin-Weißensee. Dort befindet sich der größte jüdische Friedhof Europas; 115 000 Gräber, die von der Liebe der Juden zu Deutschland erzählen, von ihren Leistungen in Wissenschaft und Kultur, den großen sozialen Unterschieden in der Jüdischen Gemeinde, vom Ringen um Anerkennung und von Vernichtung.

Die Herbert-Baum-Straße, benannt nach einem 1942 hingerichteten jüdischen Widerstandskämpfer, die zum Hauptportal des Friedhofs führt, ist eine Sackgasse. Wenige Leute gehen hier lang. Über dem Eingang des Hauses Nummer 41 kann man Reste hebräischer Buchstaben erkennen und in blasser Schrift den Namen Julius Simon lesen. Eine alte Frau gibt Auskunft. "Ja, der hatte ein Geschäft hier. Grabsteine hat er verkauft. War ein feiner Mann." Und was ist aus ihm geworden? "Na, erst hatte er noch den Betrieb, dann haben sie ihn abgeholt."

Vier von ehemals 200 Gärtnern betreuen heute noch das Gräberfeld. Rechts am Blumenladen vorbei, hinter dem Verwaltungsbüro entlang führt der Weg zur Ehrenreihe, zu den Gräbern für hervorragende Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Berlin. Die Entscheidung, wer dort beerdigt werden sollte, fiel der Gemeinde stets schwer, denn es zog viele bedeutende Wissenschaftler, Erfinder, Journalisten, Schriftsteller, Maler, Rabbiner, Philosophen und Musiker in die Metropole.

Lesser Ury, Mitglied der Berliner Sezession, berühmt durch seine Großstadt-Impressionen, liegt hier begraben. Über die Hälfte seiner Bilder haben die Nazis zerstört. Der Nationalökonom Max Hirsch ist in Weißensee bestattet. Der Dichter Mischa Josef Gorion. Hermann Cohen, der Philosoph. Der Komponist Louis Lewandowski. Der Schriftsteller Karl Emil Franzos. Hermann Munk, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften; die Medizinische Fakultät zu Berlin schlug ihn an erster Stelle für das Ordinariat der Physiologie vor, die Regierung lehnte ab, weil er Jude war.

Durch den Friedhof führen breite Alleen, mit Spitzahorn, Winterlinde und Traubeneiche bepflanzt; von den Boulevards gehen, gerade gezogen, Nebenwege und Seitenpfade ab. Weiße Täfelchen nennen Buchstaben und Nummern der Felder, von Al bis Z4. Hugo Licht, ein Berliner Architekt und später Professor für Baukunst in Leipzig, hat die Anlage großstädtisch und gleichzeitig streng geometrisch gestaltet; ein wenig profan, wie die Gemeinde damals fand. Gelobt wurde jedoch die klare Ordnung.

"Mit einer würdigen und erhebenden Feier", so berichtete die Allgemeine Zeitung des Judentums, wurde am 9. September 1880 die Einweihung gefeiert. Ein Chor sang "in deutscher Sprache", und zum Schluß bat der Rabbinerassessor Dr. Ungerleider um "den Segen des Himmels auf den Kaiser, sein Haus, auf das Reich und die Stadt und auf alle, welche das geweihte Werk gefördert haben".

Die Architektur der Gräber spricht vom Wechsel der Zeiten. Am Ende des Feldes C2 steht man vor einem Monument, das alle Steine ringsherum überragt. Bruno Schmitz, der Erbauer des Völkerschlacht-Denkmals und Spezialist für Kolossales, hat es für den Königlich Preußischen Geheimen Kommerzienrat Sigmund Aschrott und dessen Frau Anna entworfen. Vom Sockel bis zur Spitze aus rotem Granit geschlagen, kostspielig, doch nicht kostbar, wilhelminischer Protz.