Das europäische Programm bietet vor allem militärische Anwendungsmöglichkeiten

Von Johannes Weyer

Die Europäer drängt es ins All. Nach den Vorstellungen der Europäischen Weltraumbehörde (Esa) soll eine Infrastruktur im Weltraum geschaffen werden, die den ständigen Aufenthalt von Menschen im All ermöglicht. Die Bundesrepublik spielt dabei eine herausragende Rolle, soll sie doch die neue Großtechnologie maßgeblich entwickeln und vorantreiben.

Zunächst soll am Beispiel des Columbus-Programms und seine? häufigen Revisionen dargelegt werden, auf welchem Stand sich die europäischen Projekte der bemannten Raumfahrt befinden und welche politischen Gestaltungsspielräume existieren. Columbus ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von Projekten. Dazu gehören:

  • ein an die US-Raumstation angekoppeltes Labor (APM),
  • eine unbemannte polare Plattform (PPF) zur Erdbeobachtung,
  • ein Man-Tended-Free-Flyer (MTFF) als Kernstück einer eigenständigen, also von der US-Station unabhängigen, und vom Raumgleiter Hermes versorgten europäischen Raumstation sowie
  • eine unbemannte, synchron zur US-Station fliegende, zur Erde rückführbare Plattform Eureka.

Columbus ist alles andere als ein in sich konsistentes Konzept. Das Programm trägt vielmehr deutliche Züge eines politischen Kompromisses zwischen unterschiedlichen Interessen. Im erst drei Jahre alten langfristigen europäischen Weltraumprogramm der Esa von 1985 bestand Columbus zunächst nur aus zwei Elementen, dem Labor und der Eureka-Plattform und trug damit stärker den Charakter der Fortsetzung des (von der Bundesrepublik dominierten und auf die US-Raumfahrt – auch technisch – ausgerichteten) Spacelab-Programms. Die beiden anderen Elemente wurden 1985 von der Esa lediglich als langfristige Optionen auf dem Weg zu einer „eigenständigen Kapazität in der bemannten Raumfahrt“ (Vorschläge des Generaldirektors) mitbedacht.

Weil die Entwicklung einer eigenständigen bemannten Raumstation zu diesem Zeitpunkt noch als zu gewagt (weil technisch und finanziell zu riskant) und kaum plausibel begründbar angesehen würde, beschloß die Esa, den ersten Schritt (West-)Europas in die bemannte Raumfahrt mit Hilfe der Vereinigten Staaten zu machen, sich also befristet an der amerikanischen Raumstation zu beteiligen und die Trägerkapazitäten der amerikanischen Raumfähre (Shuttle) zu nutzen. Die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) hatte in ihrer Strategiestudie Raumfahrt von 1984 sehr deutlich formuliert, daß Europa sich angesichts „der bestehenden Unsicherheiten über die langfristige Bedeutung menschlicher Präsenz im Weltraum“ durch die Beteiligung an der US-Raumstation in „einer experimentellen Überbrückungsphase“ alle Türen offenhalten und „die Entscheidung... erst Ende der 90er Jahre“ treffen solle.