Fast sind die Deutschen Weltmeister geworden. Mit 32,69 Mark pro Stunde nimmt die Bundesrepublik gleich hinter der Schweiz den zweiten Platz in der Weltrangliste der Lohnkosten ein. Das ergibt jedenfalls der jüngste internationale Arbeitskostenvergleich des (arbeitgebernahen) Instituts der deutschen Wirtschaft. Die Zahlen lesen sich wie eine Bestätigung der Klagen aus dem Arbeitgeberlager über den notleidenden Industriestandort Bundesrepublik Deutschland. Unsere Konkurrenzfähigkeit, so scheint es, ist dahin.

Doch vor Trugschlüssen sei gewarnt – so klar, wie man vielleicht glauben könnte, ist die Botschaft der Zahlen nicht. Der Aufstieg der Bundesrepublik aus dem Mittelfeld an die Spitze der Lohnkostenstatistik ist nicht auf eine besonders aggressive Tarifpolitik der Gewerkschaften, sondern im wesentlichen auf die Aufwertung der Mark zurückzuführen. Und die teure Mark wiederum ist Ausdruck der hohen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie.

Die hohen Löhne gefährden unseren Wohlstand nicht, wie es manche Schlagzeile suggeriert, sie sind das Wesen unseres Wohlstands. Wir können sie uns leisten, weil die Industrie wettbewerbsfähig ist. Und die Industrie ist wettbewerbsfähig, weil sie durch anhaltenden Lohn- und Aufwertungsdruck zu den notwendigen Investitionen, zu Rationalisierung und Qualitätssteigerung gezwungen wurde.

Die Sache hat allerdings auch noch eine andere, für viele Betroffene bittere Seite: Die hohen Löhne und die gestiegene Konkurrenzfähigkeit anderer Länder zwingen die Bundesrepublik zu einem beschleunigten Strukturwandel, zum „Wegrationalisieren“ unrentabler Arbeitsplätze. Wer den Erhalt kränkelnder, lohnintensiver Branchen fordert, sei es durch Staatssubventionen, sei es durch eine übertriebene Lohndifferenzierung, der gefährdet die Basis des Wohlstands. pp