Die Entwicklung einer rasanten Konzentration im Handel ist besorgniserregend. Wer davor warnt, steht im Verdacht, er träume von der „Schlafmützenkonkurrenz“ vieler kleiner Tante-Emma-Läden. Im Einzelhandel herrsche scharfer Wettbewerb trotz der Konzentration. Um Tante Emma geht es aber nicht. Den Laden an der nächsten Ecke, wie wir ihn früher kannten, gibt es längst nicht mehr. Opfer des Verdrängungswettbewerbs im Lebensmitteleinzelhandel sind inzwischen moderne, leistungsfähige Selbstbedienungsbetriebe. Sogar Lebensmittelfilialketten mit Jahresumsätzen bis zu einer Milliarde Mark können sich heute am Markt nicht mehr halten.

So sind allein 1987 Umsätze in Höhe der gigantischen Summe von fast 24 Milliarden Mark durch Zusammenschlüsse an die sieben größten Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels übergegangen. Dies sind fünfzehn Prozent des Gesamtumsatzes dieser Branche. Jahr für Jahr schließen im Lebensmitteleinzelhandel rund 3000 Geschäfte. Alle drei Stunden stirbt ein Lebensmittelgeschäft. Vor diesem Hintergrund prognostizieren Experten, daß am Ende nur noch sechs oder sieben Oligopolisten übrigbleiben.

Gegner einer Kartellgesetznovelle vermuten die Ursache des Konzentrationsprozesses allein im Strukturwandel. Sie verdächtigen die Befürworter einer Verschärfung des Kartellrechts, daß sie eine Schutzmauer um den Einzelhandel ziehen, den Strukturwandel behindern und den Wettbewerb beschränken wollten.

Ziel einer Novellierung des Kartellrechts ist jedoch nicht ein Schutzzaun für kleine Betriebe, die nicht mehr lebensfähig sind. Auch der Einzelhandel muß sich dem ständigen Strukturwandel der Wirtschaft stellen. Verändertes Verbraucherverhalten und veränderte Betriebsformen erfordern eine Anpassung an die neuen Marktverhältnisse. Damit allein ist der rapide Prozeß der Vermachtung im Handel jedoch nicht zu erklären. Eine wesentliche Rolle spielen auch Geschäftspraktiken, die den Grundsätzen des Leistungswettbewerbs hohnsprechen. Es findet seit Jahren ein Verdrängungswettbewerb statt, den Großunternehmen mit leistungswidrigen Praktiken gegen kleinere, leistungsfähige Betriebe führen. Sie erpressen durch den Einsatz ihrer Nachfragemacht beim Einkauf Sonderkonditionen, die mit betriebswirtschaftlich begründeten Mengenrabatten nichts zu tun haben.

Selbst die Monopolkommission hat in ihrem Sondergutachten zur Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel vom April 1985 die machtbedingte Differenzierung der Einkaufspreise bestätigt und sie sogar als die zweite wesentliche Ursache für die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel genannt. In einer Doppelstrategie werden die machtbedingten Einkaufsvorteile dann im Verkauf zusammen mit systematischen Unter-Einstandspreis-Verkäufen als Waffe gegen die kleineren Mitbewerber eingesetzt. Marktmächtige Unternehmen bieten unter Einsatz ihrer geballten Finanzkraft einige wenige werbewirksame Produkte als „Lockvögel“ zu Verlustpreisen an. Einen Vorteil haben die Verbraucher dadurch nicht. Die Verluste bei den Unter-Einstandspreis-Verkäufen werden im Wege der Mischkalkulation durch höhere Preise bei sonstigen Waren, deren marktübliche Preise der Käufer nicht so genau kennt, wieder kompensiert.

Es überrascht, daß vor dem Hintergrund dieser Mißstände nicht von allen Seiten ein gesetzgeberischer Handlungsbedarf bejaht wird. Sämtliche Spitzenverbände der gewerblichen Wirtschaft haben in ihrer fortgeschriebenen Erklärung zur Sicherung des Leistungswettbewerbs schon vor Jahren festgestellt: Die Rabattspreizung sowie die systematischen Unter-Einstandspreis-Verkäufe gefährden den Leistungswettbewerb.

Die ordnungspolitische Herausforderung lautet: Der Einsatz von Macht statt von Leistung darf sich nicht lohnen. Denn wenn Marktmacht und Finanzkraft benutzt werden dürfen, um kleinere, unbequeme Konkurrenten vom Markt zu verdrängen, dann wird die Vermachtung unserer Märkte ungebremst voranschreiten. Da in einem solchen Wettbewerb nur der Mächtige bestehen kann, gibt es sogar einen Zwang zu weiteren Fusionen. Der Weg zu weiterer Konzentration ist programmiert. Mit wirtschaftlich sinnvollem Strukturwandel hat dies nichts zu tun. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Monopolkommission diagnostiziert, daß die machtbedingten „Konditionenspreizungen“ die Konzentration über jenes Maß hinaus treiben, das gesamtwirtschaftlich effizient wäre. So entstünden Unternehmenseinheiten, die aufgrund steigender Organisationskosten bereits ineffizient seien und sich nur durch machtbedingte Preisvorteile im Wettbewerb halten könnten.