Abgeklappert bis zum Überdruß ist das Reich der „bleichen Berge“, das Dolomiten-Massiv. Für dieses und das kommende Jahr sind erneut heftige Massenanstürme zu befürchten. In den Tälern zwischen Bozen und Cortina wird mit allen Schikanen gefeiert und jubiliert: 200 Jahre ist es her, daß der französische Naturforscher Deodat Dolomieu das neue Kalkgestein identifizierte, das wie die gesamte Gebirgsgruppe bald den Namen Dolomit bekam. Bücher über die Dolomiten gibt es zwar schon en masse, aber Jubeljahre erzwingen bekanntlich eine kräftige Zusatzproduktion. Den Anfang hat Sepp Schnürer mit einem Bildopus zum stolzen Preis von 98 Mark gemacht: „Dolomiten“ (BLV Verlagsgesellschaft, München/Wien/Zürich 1987).

Vollmundig verspricht der Verlagswaschzettel „neue Inhalte und neue Konzeption“, obendrein auch noch eine neue Optik: „das Gebirge aus der Straßenperspektive, auf Wanderwegen, aus wohltuender Distanz“. Das bedeutet, wie BLV verrät, einen Verzicht des Autors auf Fernglas und Teleobjektiv, denn: Beide „rücken Entfernungen näher, projizieren also eine künstliche Dimension“.

Der Voyeur, dem beim Betrachten der ungezählten grauweißen Postkarten-Gipfel das Revolutionäre solcher Technik nicht einleuchten will, braucht sich darum aber nicht verschaukelt zu fühlen: Freimütig gestehen die Buchmacher den Verzicht auf jegliche „künstlerischen Ambitionen“ ein. Ihre Kreation soll schließlich – welche Novität! – „gleichermaßen Information und interessantes Wissen vermitteln“ und sich damit „für jede Dolomitenreise unentbehrlich“ machen.

Doch auch der wißbegierige Leser erfährt nichts, was nicht schon einmal (häufig sogar besser) zu Papier gebracht worden wäre.

Zu vielen sprachlichen Gemeinplätzen gesellen sich Tabellen mit „Touristik-Informationen“ und eine willkürliche Mischung aus Hütten- und Gipfelverzeichnis, aus Seilbahn- und Wanderkartenregister, aus Touren- und Klettersteiglisten. Damit hat sich’s dann auch schon.

Vom brenzligen Thema „Umwelt“ läßt Bergfreund Schnürer „ganz bewußt“ die Finger: „Dafür hätte ich das noch immer weit überwiegende Positive schmälern müssen.“ So einfach rettet man sich und ein sagenumwobenes Reich.

„In der Distanz liegt letztendlich die Schönheit der Berge“, sinniert der Autor. Recht hat er. Am besten halten wir uns fortan auch alle neuen Dolomiten-Bände vom Leib. me