Von Marlies Menge

Margarete Laske hat keine eigenen Kinder. Dennoch ist sie für mich der Prototyp der „jüdischen Mame“ – die mütterlichste Frau, die ich kenne. Ihren Freunden gegenüber Ist sie von fast erdrückender Zuneigung und Fürsorge.

In der Garage des Einfamilienhauses am Rande von Ost-Berlin, in dem das Rentnerehepaar Laske wohnt, stehen drei Körbe. In ihnen sammelt Margarete kleine Geschenke für die Freunde: Einzelteile des weiß-blauen Geschirrs, das eine Freundin benutzt (deren Schrank davon allmählich birst), Noten für deren musizierenden Sohn, Nüsse aus dem Garten, selbstausgelassenes Gänseschmalz.

Margarete habe ich in ihrer Eigenschaft als anerkannte Hunde-Instanz kennengelernt. Sie und ihr Mann richten die alljährliche Ostberliner Hundeausstellung aus. Vor wenigen Jahren eröffneten sie der Welt erstes Hundemuseum. Über die uns gemeinsame Hundeleidenschaft kamen wir uns näher.

Daß Margarete Mitglied der jüdischen Gemeinde ist, erfuhr ich, als sie mir eines schönen Frühlingstages Mazze anbot, jenes ungesäuerte Brot, das Juden in den Pessach-Tagen zu essen pflegen. Das jährliche Abholen der Mazzot war eine Zeit lang so ziemlich die einzige Aktivität der Laskes innerhalb der Gemeinde.

Das änderte sich, als sie im letzten Jahr in Israel waren und Margarete die Religion bei ihren Verwandten erlebte. „Die Menschlichkeit gefiel mir, die Fröhlichkeit.“ Zurückgekehrt ging das Ehepaar wieder häufiger in die Ostberliner Synagoge. Auch der neue Rabbiner zog sie an. Damals begann Margarete, mich über Juden in der DDR aufzuklären. In einer grauen Mappe mit dem Davidstern auf dem Umschlag sammelte sie das jüdische Gemeindeblatt für sich. Zeitungsausschnitte kamen hinzu: Über die Einführung des Rabbi Isaac Neumann, die Wiedereinweihung der Synagoge, die jüdische Bibliothek der Renate Kirchner, der Frau des Gemeindevorsitzenden. Ich erinnerte mich, daß ich die Kirchners auf einer Geburtstagsfeier von Günter Kunert kennengelernt hatte. Günter Kunerts Mutter war Jüdin. Inzwischen ist er in den Westen gezogen wie andere jüdische Freunde, Jurek Becker zum Beispiel oder Thomas Brasch.

Laskes nahmen mich mit in die Synagoge, zu Vorträgen, zum Chanukkah-Fest im Restaurant „Moskau“. Ich traf andere, die ich seit langem kannte, ohne sie hier zu erwarten, erlebte auch bei ihnen eine Art jüdischer Renaissance, wenn auch aus anderem Impuls als bei Margarete Laske. Sie hat noch die Nazizeit erlebt. Sie kann die Heiratsurkunde ihrer Eltern zeigen mit dem Vermerk von 1942, demzufolge ihre jüdische Mutter den zusätzlichen Vornamen Sarah zu tragen hatte.