Von Margrit Gerste

Was für eine Frau! Libussa heißt sie, und manche ihrer verwegenen Aktionen mag man kaum glauben, jedenfalls verschlagen sie einem buchstäblich den Atem. Sollen wir sie mutig nennen? Wie verbraucht ist dieses Wort heute, wo schon ein Sitzstreik vor einem Raketendepot mutig genannt wird. Zivilcourage? Auch inflationiert, wo wir es angesichts öffentlicher Intoleranz und Tabuisierung schon anwenden müssen, wenn Menschen aus politischer Vernunft und humaner Regung beispielsweise versuchen, mit Terroristen zu reden.

Libussa jedenfalls spricht nicht von Mut. Angst treibt sie und eine wütende Erkenntnis in der Katastrophe des Winters 1945, auf der Flucht vom hinterpommerschen Gut: "O diese Preußen, diese deutschen Männer! Sie sind so tüchtig, einfach fabelhaft, die halbe Welt kann man mit ihnen erobern. Die Würde des Amtes und die Aufgabe, die Pflicht und die Ehre, Sieg oder Untergang! Im Untergang aber, da sind sie auf einmal zu gar nichts mehr nütze, nicht einmal dazu, Spinat zu klauen, und wir, die Frauen, können zusehen, wie wir die Kinder satt kriegen ... Man hat sie so erzogen, Generation um Generation. Nur... fürs schlichte Überleben, ganz ohne Ehre und Amt, dazu taugen sie nicht. Das bleibt dann für uns."

Und das ist dann "die Stunde der Frauen". Christian Graf Krockow erzählt über sie in seinem neuen, jüngst erschienenen Buch, einem "Bericht aus Pommern 1944 bis 1947" (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1988). Es ist die Geschichte seiner Schwester Libussa Fritz-Krockow, sie hat sie ihm erzählt, "Stück um Stück an langen Winterabenden". Im Zentrum dieser wahren Geschichte stehen nicht, wie schon so oft geschrieben, Kriegsgeschichten von Deutschen, Russen oder Polen. Sie handelt vielmehr von Männern und Frauen: "Im Untergang. verliert das einseitig männliche Prinzip jeden Glanz. Auf einmal taugt es nicht mehr, niemand kann es noch brauchen, es zerbricht. Zum Überleben im Untergang wie zum Leben überhaupt ist anderes nötig."

Das "einseitig männliche Prinzip" begegnet Libussa in vielfältiger Gestalt, mal grotesk, mal grausig wie dieses Erlebnis "auf der Galgenallee: "Rufe, ein Schrei vielleicht, das Hochfahren: Was ist, welcher Schrecken kommt nun? Genau in meinem Blickfeld, näher und näher heranrückend, fast über mir schon baumelt eine Gestalt, ein Gehenkter am Ast des Chausseebaumes; deutsche Wehrmachtsuniform, nur die Stiefel fehlen. Ein Hin und ein Her, das Pendeln, die halbe Drehung im Wind. Der Kopf schief herab, ein Hauch von Verwesung bereits, zwei Krähen, krächzend und träge auffliegend. Aber sehr gut noch lesbar das Schild vor der Brust:

‚Ich hänge hier, weil ich nicht an den Führer glaubte.‘

Vorüber, doch nicht für lange. Die nächste Gestalt, ein anderer Spruch: ‚Verräter sterben, so wie dieser starb.‘