Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im April

Deutschland ist ein kompliziertes Vaterland. Da schafft es eine evangelische Synode, die Regierenden in Ost und West in Aufregung zu versetzen, weil sie Probleme beim Namen nennt – vor allem das Ausreiseproblem, bei dem sie der Bundesrepublik eine indirekte Mitverantwortung zuspricht. Beide Seiten reagierten heftig: Die DDR-Regierenden mauerten, indem sie zum Beispiel das Erscheinen von vier Kirchenzeitungen wegen der Berichte über die Synode untersagten; außerdem ließen sie Bürger (in Wismar und Jena) verhaften, die ihre Anträge öffentlich gemacht hatten. Die westdeutschen Politiker wiederum wiesen jegliche Art von Mitverantwortung an dem Ausreiseproblem empört von sich. Am Ende stand die Kirche wie von allen gleichermaßen geschurigelt da. Vielleicht erklärt das die Überreaktion Bischof Forcks gegenüber dem Westen, als er behauptete, es gebe insgeheim eine Quotenregelung, nach der die Bundesrepublik im Quartal nicht mehr als 1200 DDR-Bürger aufnehme. Dabei verwechselte er vermutlich Ausreise auf Antrag mit Häftlingsfreikauf, bei dem es aber, wie westdeutsche Politiker versichern, ebenfalls keine Beschränkung gebe.

Die Kirche will und kann keine Ausreise-Durchgangsstation sein, sieht sich andererseits in der Pflicht, seelsorgerisch für alle zu wirken. Das führt zu unterschiedlichen Positionen, wie sie Generalsuperintendent Krusche und Bischof Forck auf der Berlin-Brandenburgischen Synode vertraten. Einig sind sie sich in dem Wunsch, aus der Stellvertreterposition, in die sie in den letzten Monaten durch Antragsteller gedrängt worden sind, herauskommen zu wollen. Aber das genau, signalisieren Ost und West, gehe nicht. Die DDR müßte, würde sie öffentlich zugeben, daß etliche ihrer Bürger das Land verlassen wollen, Abschied nehmen von jahrzehntelanger Selbstbeweihräucherung; die Bundesrepublik müßte endgültig den Traum von der Wiedervereinigung begraben, die gerade erst wieder in die deutschlandpolitischen Leitsätze für den CDU-Parteitag im Juni aufgenommen werden mußte.

Es ist wie in einer griechischen Tragödie, in der alles unausweichlich scheint: die DDR, die viele nicht ziehen läßt aus Angst vor einem Ausbluten, die Bundesrepublik, für die laut Verfassung jeder DDR-Bürger – bis hin zu den Politbüromitgliedern – automatisch Bundesbürger ist. Können wir etwas tun? Könnten wir uns – um einen Vorwurf der Synode aufzugreifen – für DDR-Übersiedler weniger attraktiv machen? Günter Gaus schlägt in seinem neuen Buch „Deutschland im Juni“ vor, daß Leute mit qualifizierten Berufen, zum Beispiel Ärzte, gewisse Zeit nicht in dem erlernten Beruf arbeiten dürfen, so wie das bei Pfarrern und Sportlern bereits üblich ist. Selbst ein so engagierter Ostpolitiker wie Egon Bahr sieht zwei deutsche Staatsbürgerschaften an einem fernen Horizont – als Folge eines gesamteuropäischen Sicherheitssystems, das zwei deutsche Friedensverträge mit gesonderten Staatsbürgerschaften ermöglichen würde. Ungeduldiger ist der SPD-Bundestagsabgeordnete Freimut Duve, der Anfang der Woche bei einer kirchlichen Veranstaltung in Ost-Berlin die eine deutsche Staatsbürgerschaft „eine Lebenslüge“ nannte, der man sich nur schwer entziehen könne, weil sie durch die Verfassung eingebaut sei. „Jetzt aber“, so Duve weiter, „ist die Zeit gekommen, um uns von ihr zu befreien, weil wir sonst zu Heuchlern werden, indem wir heimlich hoffen, daß die DDR-Regierung uns vor den Millionen Einwanderern bewahrt.“ Das erinnert an das, was der DDR-Schriftsteller Stefan Heym schon 1975 in einem Interview gesagt hat: Wenn die Bundesrepublik erst zwei bis drei Millionen Arbeitslose habe, könnte Erich. Honecker die Mauer an die Bundesrepublik vermieten.

DDR-Gesprächspartner hoffen statt auf Unterstützung aus dem Westen eher auf Veränderungen im eigenen Land. „Junge Leute wollen vor allem weniger Reglementierung“, sagte eine Freundin. „Also ich würde damit anfangen, die Arbeitszeit für Frauen zu verkürzen. Kinder blieben bis drei Jahre zu Hause, könnten später freiwillig Pionier werden, und als Jugendliche würden sie nicht mehr eingegrenzt wie auf der Fohlenkoppel, wo sie vorbereitet werden auf ihre Zeit als Zuchttiere. Ist doch klar, daß es sie dann reizt, wenn sie die schöne, schreckliche Freiheit in euren Medien sehen, daß sie auch mal nach Griechenland wollen.“ Und die Älteren, die erfolgreichen DDR-Yuppies? „Die haben doch oft alles, was man in der DDR erreichen kann: Wohnung, Wochenendhaus, Auto, Urlaub in Bulgarien und in der Sowjetunion. Nun wollen sie den Rest der Welt.“

Die Bundesrepublik als Alter ego des DDR-Bürgers: exotisch und doch vertraut, die ständig lockende Alternative. Das ist ein Mythos, dem kaum beizukommen ist. In den Unterhaltungen werden mir Zitate des sowjetischen Chefideologen Dobrynin vorgehalten, nachgedruckt im Neuen Deutschland, wonach „der Sozialismus durch negative Erscheinungen“ an Attraktion verloren habe, die „Zeit des kühnen Suchens, Nachdenkens, Zweifeins und Hoffens“ gekommen sei. Auch in der DDR müsse man Fehler in der Geschichte aufarbeiten, wie es kürzlich Günther Deicke in Sinn und Form für die Kulturpolitik forderte, müsse man auch wirtschaftlich selbstbewußter werden: „Produkte, die wir für viel zu wenig Geld an euch verkaufen, behalten wir, lassen die Arbeiter wirklich mitreden. Warum sind sie denn nicht stolz auf Erreichtes? Weil sie das Gefühl haben, es ist alles von oben angeordnet. Vor allem offenes Diskutieren über alles, nichts mehr unter den Teppich kehren. Nur schade, daß ihr immer zuguckt und das gleich als Antikommunismus feiert.“