Von Hans Zender

Lieber Herr Bour,

Sie werden in diesen Tagen fünfundsiebzig, und doch scheinen Sie einer der jüngsten Dirigenten zu sein, die heute arbeiten. Dirigieren ist weitgehend eine Sache der Erfahrung, und es ist schön, daß unsere so auf das Junge fixierte Öffentlichkeit wenigstens in diesem Beruf die großen Alten gebührend feiert. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich mit fünfundsiebzig mit Brahms und Beethoven auf das wohlverdiente Altenteil des allseits akzeptierten Repertoires zurückzieht, oder ob man, wie Sie, noch die Vitalität hat, die Strapazen auf sich zu nehmen, welche die Vermittlung neuer und neuester Musik mit sich bringt.

Der letzte große Eindruck, den ich von Ihnen empfing, war in Donaueschingen, bei der Uraufführung eines unglaublich komplizierten Stückes von Nunez – mit dem jüngsten und interessantesten deutschen Orchester, dem „Ensemble modern“, mit dem Sie so gerne arbeiten, und mit einem riesigen Aufgebot von Live-Elektronik. Und das war nur eine der zehn bis zwanzig Uraufführungen, die Sie so pro Saison abgeliefert haben – über 400 im Lauf Ihres Lebens! Meiner Ansicht nach gehören Sie mit dieser Zahl in das Guinness-Buch der Rekorde! Ich bin nicht sicher, ob es einen Kollegen gibt oder gab, der damit konkurrieren könnte.

Nur wer weiß, was das heißt: eine Uraufführung dirigieren, kann Ihre Leistung ermessen. Allein das Entziffern der meistens erst im letzten Augenblick fertigen Partitur ist. eine Arbeit, zu der viele Kollegen nicht mehr bereit, zum Teil auch gar nicht imstande sind. Oft muß man außer einer neuen klanglichen und formalen Kombinatorik auch eine neue Notenschrift lernen. Sich etwas Neues im wörtlichen Sinn „Unerhörtes“ so plastisch vorzustellen, daß man etwas an ein in vielen Fällen uninteressiertes oder widerwilliges Orchester weitergeben kann, ist eine Kunst für sich. Dazu kommen aber noch die Probleme des noch nicht gespielten Notenmaterials. Neue Untiefen lauern, denn der Dirigent muß ständig herausfinden, ob eine auftretende Fehlleistung vom Spieler oder vom Notenschreiber verursacht ist. Und was man da so erlebt...

Nur wenige nehmen gerade dieses Stadium der Vorbereitung so ernst wie Sie. Fast alle Verlage sind im Besitz langer Bourscher Fehlerlisten, die Sie noch gratis anfertigen – als hätten Sie nicht Last genug. Und dann ist da auch noch der oft entnervte (manchmal auch entnervende) Komponist, in der Erwartung der Geburt seines Geistkindes – sowohl unter den großen wie unter den kleinen Meistern, unter den Jungen wie den Alten gibt es da ja nicht nur Weise und Liebevolle, sondern auch ganz entsetzliche Egoisten und Psychopathen. Die unerschütterliche Ruhe und Objektivität, dieses Maß an Geduld, das Sie gerade in diese Beziehung zu den Komponisten immer an den Tag gelegt haben: das macht eigentlich das „Wunder Bour“ aus. Ich kann es selber bezeugen, denn ich war auch unter den Vierhundert; ich kenne aber auch keinen einzigen Komponisten, der nicht im Ton des höchsten Respektes von Ihnen spricht. „Bei Bour fühlt man sich geborgen wie in Abrahams Schoß“, sagte Bernd Alois Zimmermann, „man kann absolut sicher sein, daß er haargenau das herausbringt, was man in die Partitur geschrieben hat.“

Der Dankbarkeit der Komponisten jedenfalls können Sie sicher sein – auch wenn unsere musikalische Öffentlichkeit diese dem Schöpferischen unmittelbar verbundene Arbeit heute gewöhnlich nicht gebührend wertet, ja oft kaum begreift. Das Bild unseres Metiers ist verschmutzt, verdorben durch Geltungsdrang und Geschäft. Statt uns auf unsere Achtel und Sechzehntel sowie auf den Unterschied zwischen piano und pianissimo zu konzentrieren, lassen wir uns zunehmend vom Karrierefieber anstecken und beginnen uns schon minderwertig zu fühlen, wenn wir nicht gleichzeitig über drei Orchester in verschiedenen Erdteilen gebieten und immer noch keine eigene Schallplattenfirma besitzen. Wir sind eine höchst alberne Zunft geworden, denn je mehr wir uns auf diese Art der Leistungsgesellschaft anpassen, umso mehr verlieren wir die Inspiration und die Freude an der Musik.