Hamburg Hauptbahnhof: Auf Gleis 13 fährt ein der Nachtzug nach München. Die Reisenden greifen nach ihrem Gepäck und beäugen sich mißtrauisch: Wer wird es diese Nacht sein? Der lässig gekleidete junge Mann mit dem Seesack oder der geschniegelte Herr mit dem Aktenköfferchen? Hoffentlich nicht die Mutter mit den zwei Kindern im gefährlichen Alter zwischen zwei und fünf. Mit welchen dieser wildfremden Menschen wird man den Liegewagen teilen, in Sechser-Schlaftrüppchen geordnet, zweimal dreilagig geschichtet in 17 Kubikmetern?

Wie gut man die 720 Kilometer Nachtfahrt verschlafen kann, darüber entscheidet vor allem die strategische Lage des Bettes. Ein Platz ganz oben erfordert außer Schwindelfreiheit noch eine gewisse Unempfindlichkeit gegen die Thermik des engen Raumes. Dafür genießt man aber Schutz vor Voyeuren und vor den herabfallenden Krümeln von Mitternachtsimbissen.

In jedem Fall sollte nicht ungeprüft bleiben, ob man tatsächlich die richtige Liegestatt eingenommen hat. Schon manchem, der ahnungslos falsch lag, wurde trotz der Dunkelheit noch schwärzer vor Augen, wenn ein spät Zugestiegener schwungvoll seinen Koffer auf das vermeintlich freie Lager hievte.

Weitsichtige rücken, um beim Umziehen keine Intimitäten preiszugeben, bereits im Jogginganzug an und haben die Zähne schon zu Hause geputzt. Risikofaktoren aber bleiben trotz aller vorbeugender Maßnahmen noch: Da ist die harmlose ältere Dame, in der ein schnarchendes Monster schlummert. Und vor einer Horde Wikinger, die ihren Urlaub in einem Land des unbegrenzten Alkoholgenusses feuchtfröhlich angeht, gibt es kaum ein Entrinnen.

Vergessen wir nicht den seriösen, bereits ergrauten Herrn, der wiederholt auf den Gang hinaustritt, um mit einer Whiskyfahne zurückzukehren. Im schlimmsten Fall bekämpft er danach die läßliche Sünde mit einem dezent im Dunkeln zischenden Mundspray.

Am Ende einer solchen Nacht auf Schienen steht für empfindsame Naturen jedenfalls fest: Reisen im Liegewagen gehört zu jenen Abenteuern, die sämtliche Sinne fordern. Vor all diesen Widrigkeiten im rollenden Abteil kann man zwar die Augen verschließen. Dabei aber auch noch einschlafen zu können, ist offensichtlich nicht jedem gegeben. Kerstin Schweighöfer