Von Ulrich Schiller

Washington, im April

Auch wenn bei den Amerikanern Befriedigung über den Abzug der Sowjets aus Afghanistan herrscht: Wirkliche Freude will sich nicht einstellen. Zwar hatten die Vereinigten Staaten mit ihrer Militärhilfe erheblichen Anteil am erfolgreichen Widerstand der Mudschaheddin. Washington weiß aber auch, daß Afghanistan nach dem Abmarsch der Roten Armee keinen Frieden finden wird. Auch Schadenfreude kommt nicht auf. Zu sehr erinnern die Verlustzahlen des Afghanistan-Konflikts an die bittere Bilanz des Vietnamkrieges.

Erfolgsbewußtsein ist hingegen unverkennbar, und zwar in allen politischen Lagern, am ausgeprägtesten freilich bei den Konservativen. „Die erste Abkehr von der Breschnjew-Doktrin markiert den ersten Sieg der Reagan-Doktrin“, urteilt zum Beispiel Kenneth Adelman, der frühere Direktor der Abrüstungsbehörde und neuerdings Kolumnist der Washington Times, über das Genfer Afghanistan-Abkommen. Adelman konstatiert, die sowjetische Machtausweitung der siebziger Jahre (Südvietnam, Kambodscha, Laos, Angola, Äthiopien, Moçambique, Nicaragua und Afghanistan) sei jetzt gestoppt, der roll back habe begonnen. Die Zurückdrängung der Sowjetunion aus kommunistisch gewordenen Ländern der Dritten Welt ist das erklärte Ziel der Reagan-Doktrin. Einen Erfolg für die amerikanische Außenpolitik sieht auch die liberale New York Times. Ihr Leitartikel zur Genfer Vereinbarung nimmt die zahlreichen Experten auf die Hörner, die dem afghanischen Widerstand angesichts der Stärke des sowjetischen Invasionsheeres anfangs keine Chance gaben. Die internationale Hilfe für die Mudschaheddin und das nunmehr besiegelte Ende der sowjetischen Besetzung hätten diejenigen widerlegt, die die westlichen Demokratien gegenüber der Militärmacht Sowjetunion gern als hilflose Riesen sähen.

Tatsächlich waren die Geheimdienste und das Militär sowohl unter Präsident Carter als auch zu Beginn der Amtszeit Reagans überzeugt, gegen die bestens ausgerüstete, disziplinierte Rote Armee könnten die schlecht bewaffneten und unorganisierten afghanischen Rebellen wenig ausrichten. Zunächst bestand die amerikanische Militärhilfe in der Belieferung der Mudschaheddin mit Ostblockwaffen; sie konnten als Beute der Rebellen deklariert werden. Erst Ende 1983 wurden die ersten Flugabwehrwaffen westlicher Produktion geliefert, zu einer Zeit, als Ägypten längst in der Guerillaausbildung engagiert war, Saudi-Arabien große Geldmittel bereitstellte und auch China über Pakistan die Aufständischen mit Waffen versorgte.

Ganz anders als bei der umstrittenen Hilfe für die Contras in Nicaragua gaben führende Demokraten im amerikanischen Kongreß 1985 den Anstoß zur Bildung einer überparteilichen Arbeitsgruppe, die fortan die parlamentarischen Weichen für die Unterstützung der Mudschaheddin stellte. Die Haushaltsmittel stiegen von Jahr zu Jahr. Insgesamt 2,1 Milliarden Dollar haben die Vereinigten Staaten bis heute in den afghanischen Widerstand gesteckt. Am deutlichsten zeigte sich die ungewöhnliche Entschlossenheit des Kongresses aber darin, daß er den Mudschaheddin im Frühjahr 1986 eine Waffe bewilligte, die er selbst dem verbündeten Saudi-Arabien vorenthielt: Stinger-Raketen, die das Kräfteverhältnis in den afghanischen Bergen schlagartig veränderten. Mit der Luftüberlegenheit der Sowjets war es vorbei. Beim ersten Stinger-Einsatz wurden gleich drei sowjetische Kampfhubschrauber abgeschossen, insgesamt sollen 270 sowjetische Flugzeuge durch Stingers vernichtet worden sein. Amerikanische Militärexperten behaupten, selten habe eine einzige Waffe die Kriegslage so verändert wie die Stinger-Rakete in Afghanistan.

Die im Vergleich zum eigenen Vietnam-Engagement viel günstigere Ausgangslage Moskaus ließ maßgebende Männer in der amerikanischen Regierung zu Beginn der Afghanistan-Invasion an einen raschen sowjetischen Sieg glauben. Denn zum einen schien die unmittelbare Nachbarschaft beider Staaten unbegrenzten Nachschub und Verstärkung zu gewährleisten; zum anderen war man überzeugt, die Sowjetunion wolle aus geopolitischen Gründen unter allen Umständen Stützpunkte in der Nähe des Persischen Golfs. Heute wird freilich anders argumentiert. Heute vertreten Militärexperten die Ansicht, die Rote Armee hätte nicht 115 000, sondern 400 000 oder 500 000 Mann einsetzen müssen, um Afghanistan zu unterwerfen. Daß Moskau zu einem derartig massiven Einsatz nicht bereit war, erinnert die Amerikaner sehr an die eigenen Vietnam-Erfahrungen: Moderne, für den Krieg mit einem mächtigen Gegner gerüstete Armeen sind auf einen Guerillakrieg schlecht vorbereitet. Auch ohne eine leidenschaftliche Protestbewegung im eigenen Lande – wie der Vietnam-Protest in den USA – hatte die sowjetische Führung offenbar Gründe, dem militärischen Eingreifen Grenzen zu setzen – politische Grenzen, in denen der Krieg nicht gewonnen werden konnte.