"Schichtenflotz": Adolf Endlers satirischer Seesack

Von Hajo Steinert

Eine neue Bibel in der DDR ist 828 Seiten dick. Sie besteht aus den Büchern Apollinaire, Breton, Char und so weiter bis Q wie Queneau und T wie Tzara. Sie heißt "Surrealismus in Paris 1919-1939" und war binnen weniger Tage vergriffen. Kein Wunder, denn mit den Büchern dieses Testaments, das mit den etablierten literarischen Epochen in der DDR nur mühsam in Einklang zu bringen ist, sind die Leser drüben nicht gerade gesegnet. Zum Gelingen dieser Verschwörung von literaturgeschichtlichem Ausmaß trugen immerhin vierzehn westdeutsche Verlage bei. Sie gaben dem Verlag Philipp Reclam jun. die Genehmigung zum Nachdruck etlicher Texte.

Allein, es wäre vermessen, von einem puren Akt deutsch-deutscher Glaubenshilfe zu sprechen. Denn den eigentlichen Grundstock zu diesem in der Tat (fast) repräsentativen Lesebuch (Céline ist immer noch tabu) legten Schriftsteller der DDR. Sie sind es, die mit imponierenden Nachdichtungen von bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Texten wesentlich dazu beitrugen, daß sich das "Leseland DDR" einmal von seiner weltoffenen Seite zeigen darf. Indes, wie können wir von Weltoffenheit reden, wenn zwei Dichter wie Wolfgang Hilbig und Adolf Endler übersetzen durften, denen als Autoren die maßgeblichen Behörden nach Kräften den Zugang zum Verlag und somit zum Leser versperren?

Die Schizophrenie des literarischen Lebens in der DDR zeigt sich darin nur zu deutlich: Mit Verlaub, Hilbig und Endler verstehen sich nun mal auf eigene Varianten surrealistischer Poesie. So darf sich Adolf Endler zwar mit Kopierstift auf André Bretons "Route der inneren Abenteuer" begeben, die "Gekrümmtheit des philippinischen Schwammtiers" nachzeichnen, den "Einmarsch des Efeus in die Ruinen" miterleben und in den abseitigen Schlachtruf einfallen: "Ja in den Gebüschen kommt es zur Poesie!" Doch geht es um seine ureigenen sprachlichen Gewächse, so stößt sein kaum weniger verzweifelter Schlacht-, ja Hilferuf in der DDR auf Beton und taube Ohren: "Wottka-Kale! Wottka-Kale!"

Folglich können wir nur allzu gut verstehen, wenn der deutsche Surrealist in einer "schwankenden Bambushütte in Äquator-Nähe" bei der Negerin Wotruba Schutz sucht vor einfallenden "Sicherheitskräften", die ihn unsanft daran hindern, in letzter Sekunde, ehe Volker Braun das Flugboot startet, verbotene Manuskripte zu verschlingen. – Bei Wotruba! Warum nur können Adolf Endlers "Papiere aus dem Seesack eines Hundertjährigen" (so "Schichtenflotz" im Untertitel) nicht auch da landen, wo seine Abenteuer und Alpträume am ehesten verstanden würden und eine vergleichsweise undramatische Rezeption erfahren könnten – in der DDR?

Naiv gefragt. Denn wir^sollten wissen, daß dort keine literarische Gattung so unter Beschuß steht wie die Satire. Der "Hinze-Kunze-Roman" (1985) von jenem Flugbootpiloten über fortdauernde Herr-Knecht-Strukturen im realen Sozialismus konnte drüben nur mit Mühe an Land gehievt werden – nicht zuletzt dank der Unterstützung des einmal über seinen Schatten springenden Bücherministers Klaus Höpcke. Darin mag ein Grund liegen, daß der ausnahmsweise glimpflich davonkommt in Adolf Endlers "Schichtenflotz".